Archiv für die Kategorie „5 Rezensionen und persönliche Meinungen“
Schlagzeile „Betriebsärzte warnen: Jeder vierte Arbeitnehmer hat Schlafstörungen!“
Ich denke an Schichtarbeiter, deren Biorhythmus nur eine Regelmäßigkeit kennt: nämlich die Unregelmäßigkeit. Ich denke an Schichtarbeiter und Pendler, die privat, gesell- schaftlich und familiär im Abseits stehen und damit automatisch ein großes Sorgenpaket mit sich herumschleppen. Ich denke an Arbeitnehmer im Leih- oder Niedriglohnsektor, denen die finanziellen Sorgen trotz eines Jobs den Schlaf rauben. Ich denke an Schicht- arbeiter und Pendler, die ihre Gesundheit auf der Autobahn und/oder im Schichtbetrieb ruinieren, wenn möglich sogar wochenendübergreifend. Ich denke an Handwerksberufe (Klempner, Maurer, Dachdecker etc.), deren Mitarbeiter auf Grund „günstiger Angebote“ ihrer Firmen und auf Grund von kommunalen Ausschreibungs- und Vergabegesetzen quer durch die Republik geschickt werden, nur weil man vielleicht ein paar Euro billiger ist als der Handwerker vor Ort. Und ich denke an viele unterbesetzte Branchen, deren verblie- bene Mitarbeiter sich den Arsch aufreißen. Es gäbe noch viel mehr zu nennen: Pflege- berufe, Polizisten, Erziehungsberufe, Mitarbeiter des Handels und so weiter . . .
Dann lese ich weiter, Zitat: „Vor dem Hintergrund, dass immer mehr deutsche Arbeit- nehmer im Büro wegen Stress ausfallen, warnt der Verband der deutschen Betriebs- und Werksärzte (VDBW) jetzt vor Schlafstörungen“.
Hallo? Wieso werden Arbeitnehmer immer mit Angestellten im Büro gleichgesetzt? Sicher gibt es auch stressige Bürojobs, deren Mitarbeiter unter Schlafstörungen leiden. Aber doch nicht nur! Da ich noch ein Arbeiter im herkömmlichen Sinne bin, regt mich das jedes Mal auf. Sind denn Arbeiter in Deutschland eine aussterbende Spezies? Schlagzeilen gefällig? „Die halbe Republik nimmt Brückentag und muss nicht ins Büro!“ „Morgens auf dem Weg ins Büro….“ „Die Afterworkparty nach dem stressigen Büroalltag…“ „Vor dem Tag im Büro ein Müsli, Hund ausführen, dann joggen und duschen…“
Vielleicht geht die Tendenz dahin, daß es in Deutschland nur noch Büroalltag gibt und die körperliche (Drecks-)Arbeit im Ausland gemacht wird – oder von den wenigen Verblei- benden, die partout nicht auf´s Gymnasium wollten oder konnten. Aber noch, noch gibt es in Deutschland auch Arbeiter. Und auch die leiden unter Schlafstörungen. Und nicht zu knapp!!!
Von einem vergeblichen Versuch, in Chemnitz einen Not- oder Bereitschaftsarzt anzufordern, siehe dazu auch Freie Presse Chemnitz vom 05.04.2013
Deutschlands Gesundheitswesen gehört sicher zu einem der effektivsten und hochstandartisiertesten der Welt. Das politische und wirtschaftliche System im Hintergrund schafft aber auch ein Gesundheitssystem, welches unter ausufernder Bürokratie, unter einem immensen Kostendruck und unter Personaleinsparungen leidet; sehr zu Lasten der Mitarbeiter und der Patienten gleichermaßen. Am anderen Ende dieses Gesundheitssystems finden sich mit den Krankenkassen und der Pharmaindustrie aber auch hochprofitable Wirtschaftsunternehmen, die sich dabei mehr als nur eine goldene Nase verdienen.
Wenn man im Raum Chemnitz einen Bereitschaftsarzt oder gar einen Notarzt benötigt, spürt man ganz schnell, wo das System an seine Grenzen stößt. Nach dem Motto „Hilf Dir selbst, sonst hilft Dir keiner“ beziehungsweise „Verlass Dich auf andere und Du bist verlassen“ möchte ich über meine Erlebnisse bei einer Notarztsuche in Chemnitz berichten. Sicher spielt hier auch eine Zusammenkettung unglücklicher Umstände eine Rolle. An dem an seine Grenzen gestoßenen Notarztsystem Mittel- und Westsachsens ändert es dennoch nichts. Gegipfelt hat die Unzulänglichkeit des sächsischen Rettungssystems in einer völlig inakzeptablen Reaktion des Mitarbeiters bei der Notrufnummer 112 am Dienstagvormittag nach Ostern. Doch der Reihe nach:
In der Nacht vom Gründonnerstag zu Karfreitag 2013 ereilte mich ein Magen-Darm-Infekt. Ich musste Ostern nicht arbeiten, brauchte also keinen Krankenschein – und ich war allein daheim, konnte also niemanden anstecken. Die Situation des Alleinseins muss ich ausführlicher erklären, denn das wird noch mein größtes Problem werden; neben dem eines inkompetenten Rettungsdienstes. Eigentlich wollte ich nach Thüringen (80 km entfernt von mir) zu meiner Lebensgefährtin fahren. Da sie insulinspritzende Typ 1 Diabetikerin ist und bei einer Ansteckung mit massivsten Blutzuckerspiegelproblemen rechnen muss, wollte ich dieses Risiko keinesfalls eingehen. Ich wäre zu dieser Fahrt zu ihr aber ohnehin nicht in der Lage gewesen. Außerdem war die Mutter meiner Lebensgefährtin am Gründonnerstag wegen der Behandlung von Hirntumormetasthasen aus der Strahlenklinik entlassen worden. Sie allein zu lassen, wäre äußerst leichtsinnig gewesen. Also konnte meine Lebensgefährtin auch nicht zu mir nach Chemnitz kommen. Meine Eltern leben in Frankenberg und sind über 70-jährige Rentner. Diese wollte ich auch keinesfalls anstecken. Meine Geschwister wohnen im Raum Frankenberg/Mittweida/Burgstädt und sind in Schichten und teilweise auch über die Feiertage berufstätig. Ich war also allein!
Es war nicht der erste Magen-Darm-Infekt meines Lebens. Mit Tee, Zwieback, viel Ruhe und schlafen wollte ich die Durchfallerkrankung über Ostern ausschleichen. Die ersten beiden Tage kam noch Erbrechen hinzu. Einen Bereitschaftsarzt über Ostern wegen Durchfall anzufordern wäre wohl ins Leere gelaufen. Ich hätte genau die Antwort bekommen, was ich ohnehin vorhatte: Viel trinken, Tee, Zwieback, auf den Salzhaushalt achten, Ruhe und schlafen. Außerdem weiß man als Laie, daß die Bereitschaftsärzte über Ostern mit Sicherheit völlig überlastet sind und andere Notfälle zu verzeichnen haben. Schon aus dem Grund habe darauf verzichtet.
Nach drei Tagen, in der Nacht vom Sonntag zum Ostermontag trat eine ganz leichte Besserung ein. Der Montag als vierter Tag brachte eine weitere, wenn auch sehr kleine Besserung. Ich dachte, jetzt sei es überstanden und es geht aufwärts. Drei Tage Durchfall und zwei Tage Erbrechen schienen mir in meinen Augen noch nichts Ungewöhnliches. In der Nacht vom Montag zum Dienstag kam der Infekt mit voller Wucht zurück. Mein Körper nahm überhaupt nichts mehr auf, alle Flüssigkeitsaufnahme ging den direkten Weg von der Aufnahme zum Darmausgang. Ich hatte als den nunmehr fünften Tag Durchfallerkrankung vor mir und saß teilweise in Stundenabständen auf der Toilette. In der Nacht begann ich zu frieren; trotz Bettdecke, zusätzlicher Wolldecke und Wärmflasche fror ich wie ein junger Hund und hatte Schüttelfrost. Mein Entschluss stand fest, gleich am Morgen brauche ich einen Arzt. Bis zum offiziellen Beginn der Sprechstunde meines Hausarztes wollte ich noch warten, doch soweit kam ich nicht.
Morgens gegen 05.30 Uhr rief ich den ärztlichen Bereitschaftsdienst in Chemnitz an. Ich schilderte der Dame mein massives Problem – eine Person mit medizinischem Fachwissen sitzt an diesem Apparat der Auftragsannahme ohnehin nicht – und folgender Wortwechsel ergab sich sinngemäß:
„Der Bereitschaftsdienst geht bis 07.00 Uhr. Die diensthabende Ärztin hat noch so viele Anmeldungen vorliegen, die schafft sie in der regulären Zeit nicht. Wollen Sie nicht dann gleich zum Hausarzt gehen?“ Ich erzählte ihr, daß mein Hausarzt zwar nur vierhundert Meter von mir entfernt ist, ich es vielleicht auch bis dahin schaffe, aber keinesfalls weiter; und daß ich allein daheim bin. Ich äußerte meine Befürchtung, daß mein Hausarzt vielleicht an die Feiertage noch ein oder zwei Tage Urlaub anhängt (was nicht ungewöhnlich wäre) und ich mich völlig umsonst dorthin schleppe. Und was dann? „Dann rufen sich mich nach 19.00 Uhr an, da läuft wieder der ärztliche Bereitschaftsdienst. Wenn es gar nicht geht, rufen Sie die 112!“ Auf meinen Hinweis, daß sich die Rettungsstelle über meinen Anruf sicher „freuen“ wird, meinte die Dame: „Sicher werden die sich freuen. Aber was soll´s, sie müssen kommen!“
Das Frieren nahm zu und schien nicht mehr beherrschbar. Mir wurde allmählich taumelig und mir schien, als werde ich apathisch. Ich rief gleich 07.00 Uhr den Hausarzt an, die Schwester ging ans Telefon. Ich schilderte ihr mein Problem in groben Zügen und bat darum, heute in die Sprechstunde kommen zu dürfen (der Hausarzt hatte heute regulär Diabetikerberatung) oder noch besser, daß der Hausarzt einen Hausbesuch bei mir macht. Die paar hundert Meter zu mir sollten das Problem nicht sein. Eine Viertelstunde später rief die Sprechstundenhilfe zurück und richtete mir vom Arzt aus, ich solle mich ins Bett legen, Kamillentee trinken und morgen zur Sprechstunde kommen. Wenn es nicht besser wird, käme er auch gern zu mir. Aber eben erst morgen.
Im Laufe des Vormittages versuchte ich es mit der alten, im Osten ohnehin relativ unbekannten Notrufnummer 19222. In einigen Gegenden soll sie noch funktionieren. Aber das war ein sinnloser Versuch, den ich auch sofort abbrach. Erneut rief ich gegen 11.00 Uhr den Hausarzt an und sagte, daß ich mich von Minute zu Minute schlechter fühlte und nicht mehr kann. Die Schwester versprach, den Arzt zu bitten, mich zurückzurufen. Leider passierte nichts dergleichen. In der Zwischenzeit führte ich ein Gespräch mit meinen Eltern in Frankenberg, jenen alten Leutchen, die ich nicht anstecken wollte. Aber meine Mutter hat medizinisches Berufsfachwissen. „Kannst Du Wasser lassen?“, fragte sie mich. „Seit Tagen nicht“, meinte ich. „Wie denn auch, bei dem Durchfall!“ „Um Himmels Willen, rufe sofort die 112 an und schildere genau DAS Problem. Die Nieren arbeiten nicht. Du bist dehydriert!“
Ich rufe also die Notrufnummer 112 an und schildere genau DAS Problem; daß ich seit fünf Tagen Durchfall habe, seit Tagen nicht Wasser lassen kann, mir schwindlig ist, ich friere wie ein junger Hund und daß ich ALLEIN bin. Ich bat um einen Notarzt und die Einweisung in ein Krankenhaus. Der Mitarbeiter bei der 112 reagierte ungehalten. Er hörte nur das Wort Durchfall, den Rest nahm er nicht wahr. „Ich habe hier Notfälle zu koordinieren, ein Durchfall ist kein Notfall. Warum gehen sie nicht zum Hausarzt?“ Ich erklärte ihm, warum ich über Ostern auf den Bereitschaftsdienst verzichtet hatte, ich berichtete ihm von den vergeblichen Versuchen den Hausarzt zu erreichen und im Übrigen hätte mein Hausarzt jetzt keine Sprechstunde mehr. Ich erwähnte noch einmal das Nicht-Wasserlassen-Können und daß mir schwindlig ist. „Er lehnte jegliche Notarztentsendung schroff ab und meinte, es hätten auch noch andere Hausärzte in Chemnitz auf.
Ich hatte seit fünf Tagen meine Wohnung nicht verlassen, bin seit fünf Tagen nicht aus dem Schlafanzug heraus gekommen und sollte jetzt völlig geschwächt mit einer noch nicht einmal geklärten, aber offenbar ernst zu nehmenden Viruserkrankung eine Hausarztpraxis in Chemnitz suchen, um mich dort in ein übervolles Wartezimmer zu setzen? Das kann nicht der Ernst sein! Kein Mensch hat verlangt, daß er sofort einen Notarzt zu mir schickt. Aber hätte er beispielsweise gesagt, er schickt einen Notarzt, das kann aber zwei oder drei Stunden dauern, ich solle mich gedulden – dann wäre das eine Aussage gewesen, mit der hätte ich leben können. Das hätte ich noch geschafft. Bei allem Streß und Kostendruck, den haben andere Berufsgruppen leider auch. Wir leben nun mal in einem monetären System, und nicht in einem wo menschliche Zuwendung Vorrang haben. Aber auf so eine schroffe Art von oben herab abgekanzelt zu werden, das hat nichts mit Patientennähe zu tun. Das degradiert den Anrufer auf das Niveau eines „dummen Schuljungen“. Vielleicht ist dem den Anruf entgegennehmenden Mitarbeiter nicht klar, daß Ärzte für die Patienten da sind und nicht umgekehrt. Und vielleicht sollten einige Vertreter dieser Zunft einfach einmal lernen zuzuhören! Dann hätten bei ihm die Alarmglocken schrillen müssen! Ein altes Mütterchen in meiner Situation hätte es spätestens jetzt aufgegeben, noch einen Arzt zu aktivieren. Wenn man sie dann zusammengebrochen in ihrer Wohnung gefunden hätte – sofern man sie überhaupt rechtzeitig finden würde, denn eine Dehydrierung kann tödlich enden – wäre sie ein Fall für eine Dialyse gewesen. Und das kostet weitaus mehr, als den Notarzt zu schicken und dem Patienten ein paar Infusionen zu verabreichen.
In der Zwischenzeit hat meine Mutter mit meiner Schwester telefoniert, die an diesem Tag zufällig frei hatte und nach Chemnitz wollte. Sie kam sofort zu mir und erschrak über meinen Zustand. Ich schilderte ihr den Ablauf der Ereignisse und wollte ins Krankenhaus gefahren werden. Mein Bedarf an Chemnitzer Ärzten war aber erschöpft. Da meine Schwester über Frankenberg zurück nach Mittweida wollte, fuhr sich mich zum Frankenberger Krankenhaus. In der Notaufnahme musste ich nicht lange warten. Während ich aufgenommen wurde, richtete man mir auf der Station ein Quarantänezimmer her. Noch während der Aufnahmeuntersuchungen und des Aufnahmegesprächs verabreichte man mir die erste Infusion. Das nenne ich kompetentes Reagieren. Insgesamt bekam ich innerhalb der nächsten zwei Tage 5 Liter Elektrolyt- und einen Liter Glukose-Infusion. Mein Elektrolythaushalt war im Keller, Kalzium musste zugeführt werden und mein Blutzucker war abgesunken (Symptome, wie sie ein Diabetiker bei einer Unterzuckerung verspürt). Die Nieren hatten die Arbeit eingestellt und der Körper war dehydriert. Wahrscheinlich wäre ich im Laufe des Tages daheim noch zusammengebrochen.
Und was war die Ursache allen Übels? Diagnostiziert wurde ein Rota-Virus; eine schwere Darmerkrankung, die durch Dehydrierung unter Umständen tödlich verlaufen kann. Rota-Viren sind stark ansteckend und meldepflichtig!
Ich bedanke mich bei allen Mitarbeitern des Frankenberger Krankenhauses, besonders dem diensthabenden Internisten an jenem Dienstagnachmittag und den Schwestern der Notaufnahme sowie bei allen Mitarbeitern der Station für Inneres im Frankenberger Krankenhaus. Es war übrigens das zweite Mal innerhalb von zwei Jahren, daß mir im KH Frankenberg in einer für mich als Single äußerst misslichen Lage schnell und kompetent geholfen wurde.
Lascher Grippeschutz, persönliche Hygiene: http://mtwv.de/wordpress/?p=2029
Michael de Ridder, “Wie wollen wir sterben? Ein ärztliches Plädoyer für eine neue Sterbekultur in Zeiten der Hochleistungsmedizin”
Michael de Ridder; Humanist und Arzt (Internist), Chefarzt der Rettungsstelle eines Ber- liner Krankenhauses und Vorsitzender einer Stiftung für Palliativmedizin, sagt: „Die Wür- de des Menschen, sein Recht auf Selbstbestimmung muss auch und gerade bei unheilbar kranken und alten Menschen respektiert und gewahrt bleiben. …. Alles andere ist Körper- verletzung!”
Auf Michael de Ridder bin ich in einem STERN- oder SPIEGEL-Artikel im Jahr 2006 oder ´08 aufmerksam geworden. Leider stehen Menschen wie Michael de Ridder nicht unbedingt im medialen Vordergrund. Auf solche Veröffentlichungen (wie dieses Buch) stößt man aber oftmals erst, wenn Ratlosigkeit herrscht und eigentlich die Zeit drängt. Ich rate aber jedem, der in naher Zukunft einen sterbenden Angehörigen zu begleiten hat oder für die Zukunft (eventuell auch die eigene) gewappnet sein will, Interesse am Thema, Zitat „Sterbekultur in Zeiten der Höchstleistungsmedizin” zu entwickeln.
Unwissenheit bei Ärzten, Unsicherheiten bezüglichen der rechtlichen Lage und Arroganz der sogenannten Götter in Weiß in Verbindung mit den Möglichkeiten des medizinisch Machbaren (aber der nicht immer sinnvollen oder gar selbst gewollten Möglichkeiten der Hochleistungsmedizin) lassen Angehörige oft hilflos zurück. Dazu kommt eine eben- solche Profilierungssucht und Eitelkeit in Verbindung mit Unwissen bei den Vormund- schaftsrichtern. Der Prozentsatz der Unwissenden ist erschreckend hoch! Wenn die Ange- hörigen nicht sattelfest, wissend und ihrer Sache sicher sind, haben sie verloren. Und der Patient oder der zu betreuende Sterbende gleich mit! Nichts zu tun und nichts zu wissen und stattdessen nur geschehen zu lassen ist in diesen Momenten für Angehörige und Be- troffene das Falscheste und Schädlichste, was ihnen passieren kann.
Der Autor de Ridder gibt dem Leser einen Einblick in seinen beruflichen Werdegang, der immer wieder mit Fällen der Sterbebetreuung einhergeht. Er zeigt dabei ungewollte Feh- ler und bewusst sinnlose Maßnahmen durch einen Großteil der Kollegen seines Berufs- standes anhand zahlreicher authentischer Fälle auf und erläutert dabei auch die medizi- nische Seite und den rechtlichen Hintergrund. Nicht zuletzt wird dem Leser bewusst ge- macht, daß die Pflege schwerstkranker Patienten, alter Menschen und Sterbender ein höchst profitables Geschäft ist. Es gipfelt in der Aussage anhand eines Fallbeispiels:
„ ….die Pflege von Wachkomapatienten – eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme?”
Jeder, der einen schwerstkranken und/oder sterbenden Patienten oder einen alten Men- schen während der Pflege und im Sterben begleiten will oder seine Leiden lindern möchte, kommt an Sachbüchern wie diesem nicht vorbei. Man muss in das höchstprofi- table Geschäft einer unmenschlichen Sterbebegleitung nicht einsteigen. Mit Wissen und Selbstbewusstsein kann man sich dagegen zumindest als Angehöriger wehren.
Dieses Buch sollte zur Pflichtlektüre für Ärzte, Pflegemitarbeiter und Vormundschafts- richter werden. Aber was will man verlangen, wenn schon Notärzte mit Typ 1-Diabe- tikern/Insulin-Pumpenträgern überfordert sind? Und was will man schon verlangen, wenn Ärzte sich nicht einmal eingestehen, daß auch sie nicht alles wissen können und den Rat eines oder die Mit- und Weiterbehandlung durch einen Kollegen benötigen? Das eigene Ego steht oftmals fatal im Vordergrund. Leider. Und nicht zu vergessen: Egal ob nieder- gelassener oder Krankenhausarzt, der Arzt ist mit allem was er tut, ein Wirtschaftsfaktor. Dazu braucht er am Leben gehaltene Sterbende und chronisch Kranke, denen man im Vorfeld entgegen jeder Logik Maßnahmen zum Vermeiden von Folgekrankheiten vor- enthalten hat. Menschen die nicht sterben dürfen und chronisch Kranke, die am besten in jedem Quartal wiederkommen (müssen), sind sichere Einnahmequellen
“Die Fortschritte der Medizin sind ungeheur; man ist sich seines Todes nicht mehr sicher” (Hermann Kesten)
Wolfgang Uchatius, „Jan Müller hat genug“
Zu einem Dossier in der Zeitung „Die Zeit“ vom 28.02.2013: Wolfgang Uchatius, „Jan Müller hat genug“. Leider ist der Artikel (noch) nicht online. Der Versuch, sich diese Ausgabe der „Zeit“ noch zu beschaffen, lohnt sich schon allein wegen des mehrseitigen Dossiers nebst Interview unbedingt!
„Europa braucht mehr Wirtschaftswachstum“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel kürzlich in einem Zeitungsinterview.
„Die Wachstumsraten unserer Volkswirtschaft müssen wieder steigen“, sagte SPD- Kanzlerkandidat Peer Steinbrück.
„Jetzt gilt es, das Wachstum zu stabilisieren“, sagte FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle.
„Wir müssen für mehr Wirtschaftswachstum sorgen“, sagt selbst Linken-Parteichef Bernd Riexinger.
„Wir brauchen eine Wachstumsstrategie“, sagte Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin.
Karl Marx sagt dazu sinngemäß über das Wesen der kapitalistischen Wirtschaft: „Steigende Überproduktion bei gleichzeitiger Zunahme der Massenarbeitslosigkeit!“
Der Verstand nennt es Verschwendung, das Kalkül nennt es Wachstum. Jedoch: Wer soll das alles anschauen? Wer soll das alles kaufen? Warum ißt das niemand? Warum ver- brauchen wir das nicht? Endloses Wachstum ist sinnlos! Deutschland ist ausgewachsen! Die Theorie der Unsättlichkeit passt nicht mehr zu den Fakten.
Wenn ein Mensch ißt, ist er hinterher satt. Mehr braucht er nicht. Auch wenn man es ihm anbietet. Wenn der Markt nicht mehr verbraucht, ist er dann „satt”? Zumindest sagt man uns das. Aber der Markt ist nicht satt. Er verbraucht nur nicht mehr als nötig. Auch wenn man es ihm hinhält. Wenn dem Markt in diesem Jahr nach einer Million Autos verlangt und im nächsten Jahr wieder, so ist der Markt doch nicht satt. Er bedarf nur nicht immer mehr. Aber in den Augen der Wirtschafts- und Finanzbosse gilt das Ausbleiben von Wachstum als Sättigung. Und die Politik haut in diese Kerbe noch mit hinein. Der Markt ist nicht satt. Aber er ist ausgewachsen. Er ist erwachsen. Die Aufgabe der Zukunft könnte es sein, Möglichkeiten zu finden, wie Unternehmen ohne Wachstum bestehen können. Kann ein Unternehmen, das nicht mehr wächst, dennoch profitabel bleiben? Das ist die Frage!
Wolfgang Uchatius in „Die Zeit“ vom 28.02.2013, „Jan Müller hat genug!“
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Beispiel Glasfasernetz in Chemnitz und anderen Städten
Wie die BILD/Chemnitz am 27.02.13 berichtet, scheint das superschnelle Internet-Glasfasernetz der Telekom und des örtlichen Auftragnehmers/Partners „Eins-Energie“ zum Flopp zu werden. Von den mindestens 1.800 verbindlichen Bestellungen, die die Telecom benötigt, um „Eins-Energie“ überhaupt mit der Verkabelung von 20.000 Haushalten beginnen zu lassen, sind gerade einmal 850 Bestellungen vorhanden.
Und schnell ist man dabei, den Chemnitzern wieder einmal Kurzsichtigkeit und „Hinter dem Mond leben“ zu bescheinigen. Vielleicht denken die Chemnitzer aber gerade weise? Wer will schon immer nur „schneller, noch schneller und noch viel mehr schneller“? Man kann doch auch mal mit DSL zufrieden sein! Vielleicht sollte die Telekom erst einmal die Stadtteile auf DSL-Niveau anheben, die noch mit Modem und tatsächlich „wie hinter dem Mond“ herumhantieren oder sich in Eigenleistung und aus Verzweiflung DSL per Richtfunk einrichten? Mit dem Glasfasernetz würde die Schere zwischen Modem einer- seits und schnellem Internet anderseits noch weiter auseinandergehen.
Mit Standortvorteilen will man die zögerlichen Kunden locken; mit so schnellem Internet, daß man drei Filme „ziehen“ kann und den vierten gleichzeitig anschauen. Klar, das habe ich schon immer vermisst! Fehlt bloß noch der Hinweis, „Das sind auch Arbeitsplätze.“ Ja klar, gähn! Sollen doch ehrlich sein, die Brüder: Profit lockt, und der ist umso größer, je mehr Menschen auf engem Raum sich beteiligen. Laß doch die Randbezirke weiter mit Modem hantieren. Dort lockt ja auch nicht so ein Profit. Daß aber auch in den Außen- stadtteilen Arbeitsplätze vom einigermaßen schnellen Internet (DSL) abhängen, interessiert da nicht.
Die Menschen haben scheinbar keine Lust, ständig daheim in ihrer bestehenden Kommu- nikationstechnik und in bestehenden Verträgen herumzurühren. Wohl wissend, daß das nie ohne Probleme über die Bühne geht. Aber die Chemnitzer leben ja hinter dem Mond. Ja klar, danke.
Übrigens geriet dieses superschnelle Internetkabel schon in anderen Städten zum Flop, so zum Beispiel in Münster/Westfalen oder in Zürich/Schweiz beim Telecom-Äquivalent Swisscom.
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Verlinkungen zu früheren Veröffentlichungen zu diesem Thema:
Das Handy als Geldbörse: http://mtwv.de/wordpress/?p=7490
Aufschwung kommt bei den Menschen nicht an: http://mtwv.de/wordpress/?p=3714
Finanz- und Wirtschaftskrise (2011): http://mtwv.de/wordpress/?p=3490
Die Band Gregorian trat am 15. Februar 2013 in der Chemnitzer Stadthalle auf
Gregorian ist eine Band (ein Musikprojekt), die Werke der Pop- und Rockmusik im Stil der gregorianischen Choralgesänge mittelalterlicher Mönche präsentiert. Wer aber reine gregorianische Choralgesänge erwartet, ist hier falsch am Platz. Geboten wird primär ein Rock- und Popkonzert (fast schon ein Spektakel), aber eben unter dem Einfluss der gregorianischen Gesänge. Die Mischung mach das Besondere dabei aus. Das ganze wird garniert mit einer tollen Licht- und Lasershow; mit Zutaten, die den Ort Bühne etwas mystisch erscheinen lassen (Feuer, Fackeln, Nebel); einer Leinwand für Videosequenzen und einer Band für die Begleitmusik, deren Mitglieder allesamt Vollprofis sind. Kern der Band sind die acht Herren, die – in ihren Mönchskutten auftretend – für die stimmliche Umsetzung dieses Bandprojektes verantwortlich sind. Und das gleich vorab: es gelingt ihnen hervorragend. Obwohl Gregorian ein deutsches Musikprojekt ist, besteht der der- zeitig achtköpfige „Mönchschor“ ausschließlich aus Engländern.
Anfang der 1990-er Jahre kam der Hamburger Musikproduzent Frank Petersen auf die Idee, konventionelle gregorianische Musik mit der modernen Unterhaltungsmusik zu mischen. Mit seinem Partner Michael Cretu gründete er das Projekt Enigma. Nach dem Erfolg von Enigma beschloss er Ende der 1990-er Jahre an dieses Konzept anzuknüpfen. Er beauftragte sein Produzententeam (Michael Soltau, Jan-Eric Kohrs und Carsten Heus- mann), aktuelle Stücke der Popmusik von klassisch ausgebildeten englischen Sängern nachsingen zu lassen. Der Gesangsstil entspricht dem des Gregorianischen Chorals, von dem der Gruppenname abgeleitet ist.
Neben Enigma schuf Petersen sein erstes eigenes Soloalbum „Sadisfaction“, welches vom Erfolg von Enigma beeinflusst war und erstmals gregorianische Gesänge beinhal- tete. Er war Produzent von beziehungsweise arbeite zusammen mit Sandra (Nummer Eins Hit „Maria Magdalena, 1989), Sahra Brightman und Ofra Haza. Ofra Haza, die im Jahr 2000 verstorbene israelische Sängerin, ist in Deutschland wahrscheinlich den meisten aus ihren Duetten mit Stefan Waggershausen („Jenseits von Liebe“) bekannt. Sarah Bright- mann wurde hierzulande wohl am bekanntesten durch ihr Duett mit Andrea Bocelli („Time to say goodbye“, 1996). Sarah Brightman ist eine vielseitige Sopranistin und war zweite Ehefrau des Musicalkomponisten Andrew Lloyd Webber. Als Gast trat sie hin und wieder auch mit den Gregorians auf. Ebenfalls in der derzeitigen Besetzung bei den Gregorians singt Sarahs Schwester Amelia Brightmann.
Soviel zur nicht unbedeutenden Musikproduzentenkarriere von Frank Petersen.
Für den 15.Februar 2013 hatten wir uns Karten für die Gregorians in der Chemnitzer Stadthalle besorgt. Ich hatte mich im Vorfeld damit beschäftigt; was uns aber tatsächlich erwartete, war nur im Ansatz zu erahnen – wenn man es nicht schon wusste. Die Chem- nitzer Stadthalle ist ein hervorragender Veranstaltungsort. Die Show ging mit Pause zwei und eine halbe Stunde; wobei der zweite Teil der längere gewesen ist und die Zugabe noch einmal sehr umfangreich war. Die Gregorians, soviel ist jetzt schon klar, haben wir nicht das letzte Mal gesehen.
Im Jahr 1999 begann mit dem Album „Masters of Chant“ die Erfolgsgeschichte von Gregorian. Im Jahresabstand folgten weitere Alben. Mit dem Album „The Dark Side“ wurde der Stil der Band rockiger. Gregorian ist selten in den Top-Ten vertreten, dennoch sind sie einem Millionenpublikum bekannt und über große Zeiträume verkaufen sie kontinuierlich mehr Platten als mancher Künstler in den Top-Ten.
Gregorian: http://www.gregorian.de/
Gregorian, „Nothing Else Matters“: http://www.youtube.com/watch?v=H7csvgL-G3E
Gregorian, „Wish You Were Here“: http://www.youtube.com/watch?v=T2XIh5bbX9U
Zur Band gehören beziehungsweise gehörten an dem Abend in Chemnitz neben den acht im klassischen Gesang ausgebildeten „Mönchen“ die oben bereits erwähnte englische Sängerin und Songschreiberin Amelia Brightmann, ein Schlagzeuger, ein Keyboarder, zwei Gitarristen, ein Violinistinnen-Trio, eine Cellistin beziehungsweise Bassistin und eine künstlerisch beeindruckende sowie optisch bezaubernde Pianistin. Die Österreicherin Eva Mali ist nicht nur eine erstklassige Pianistin, sie wirkte auch bei der zuletzt aufge- nommenen CD „Epic Chants“ (2012) als Sängerin mit. Zur Zeit geht sie in der Rolle der Pianistin und Sängerin mit den Gregorian auf Tournee. Zu dieser jungen Dame später noch einmal mehr . . . .
Bei der Tour zum aktuellen Album „Epic Chants“ präsentiert die Band erstmals eine Auswahl an Kinofilm-Musiken. Nicht jedes Lied ist geeignet, ins Repertoire der Grego- rians aufgenommen zu werden. Der gregorianische Choralgesang muss letztendlich dazu passen und darf einem dementsprechenden Neuarrangement des Titels nicht negativ ge- genüberstehen. Das heißt im Umkehrschluss nicht, daß es nur ruhige Songs oder Balladen sind, die sich dafür eignen. Selbst Hardrock-Titel werden gekonnt uminterpretiert; wenn es das Ergebnis zulässt.
Das Konzert begann mit Vangelis´ „1492 – Conquest of Paradise“ von 1992. Das Stück avancierte damals zum Soundtrack-Hit der Kolumbusverfilmung „1492 – Die Eroberung des Paradieses“ mit Gerard Depardieu. Es folgten gekonnt in die neue Materie umge- setzte Titel wie „Who wants to live forever“ aus dem Film „Highlander – Es kann nur einen geben“ (komponiert von Brian May/Queen und im Original von Brian May und dem stimmgewaltigen Freddy Mercury interpretiert.) Das Stück eignete sich hervor- ragend für den weiteren Aufbau des Konzertes und den weiteren Übergang zu einem atemberaubenden Spektakel. Schon nach den ersten beiden Titeln bekam man einen Eindruck von den wunderbaren Stimmen der Interpreten und den Musikern an den In- strumenten. Es folgte eine Interpretation des Soundtracks aus dem Film „Gladiator“ mit Russell Crowe aus dem Jahr 2000. Ähnlich imposant wie der Monumentalfilm geriet die vom Frankfurter Hans Zimmer geschaffene Filmmusik. Bei den Gregorian kam erstmals bei diesem Titel die weibliche Gesangsstimme von Amelia Brightman zum Einsatz. In römischer Legionärsbekleidung betrat sie die Bühne, die Videoleinwand bot mit Auf- nahmen vom Kolosseum in Rom den passenden Hintergrund, zusätzlich zur ohnehin gekonnten Bühnengestaltung. Die helle und klare, aber dennoch kraftvolle Gesangs- stimme von A. Brightman bot einen tollen Gegensatz zu den Choralgesängen der acht „Mönche“. Über das ganze Konzert wird Amelia immer wieder dieser Gegenpart im Ge- sang sein und damit einen wunderbaren stimmlichen Kontrast zu den Männern darstellen. Das erste explosive Hardrock-Stück des Abends und keine Filmmusik obendrein war die Interpretation von Rammsteins „Engel“ von 1997. Allerdings wurde man beim Erstellen des Videos zum Song vom Film „From Dusk Till Dawn“ inspiriert. Sagenhaft, wie man den Charakter des Hardrock-Songs mit den wunderbaren Stimmen und dem Choral- gesang in Einklang bringen kann. Dazu Amelia Brightman im Mittelpunkt des Ge- schehens als Engel, ausstaffiert mit einer langen, blonden, wallenden Mähne und opu- lenten Engelsflügeln. Sie war nicht nur top im Gesang, sondern auch optisch eine tolle Erscheinung. Auf der Bühne kamen erstmals neben Licht und Laser auch offenes Feuer und Fackeln sowie Pyrotechnik zum Einsatz. Das Stück geriet zum ersten Paukenschlag des Abends.
Es folgten Filmmusiken großer Kinomomente: „My Heart will go on“ (Titanic, Céline Dion), eine Filmmusik von U2, der Soundtrack aus „Batman forever“ (Elliot Goldenthal), der Soundtrack aus dem Zeichentrickfilm „Das letzte Einhorn – The last Unicorn“ (von Jimmy Webb und der Band America), eine James Bond-Filmmusik, die Filmmusik von Mychael Danna aus dem Mehrteiler „Tore der Welt“ nach Ken Follets gleichnamigem Roman sowie der Soundtrack von Trevor Jones aus der Filmkomödie „Notting Hill“, um nur einige zu nennen.
Eine absolut kritikfreie Bühnenshow mit Licht und Laser, Feuer und Pyrotechnik sowie der Videoleinwand ließ keine Wünsche offen; ohne daß die Show überladen wirkte. Wunderbar die Gesangstimmen der „Mönche“ und die Art und Weise der Interpretation der Songs. Man gab den vorgetragenen Filmhits einen eigenständigen Charakter, ohne die Lieder in ihrer Ursprünglichkeit zu zerstören oder zu verstümmeln. Ganz große Klasse auch die Einbindung der weiblichen Gesangsstimme von Amelia Brightman als krassen Gegensatz zu den Männern. Eine weitere top Bereicherung stellten die Damen der Strei- chergruppe (Violinen und Cello beziehungsweise Bass) als Ergänzung zur Rhythmus- gruppe der Männer an Gitarre, Schlagzeug und Keyboard dar. Man harmonierte auf geradezu wunderbare Weise!
Die Überraschung des Abends aber war für mich die Pianistin Eva Mali. Als sie in die Mitte der Bühne geholt wurde um zu singen, ahnte ich das Kommende nicht im Ansatz. Eva Malis Sopran jagte mir eine Gänsehaut über die Arme und den Rücken. Man ist ein- fach nur sprachlos. Man weiß nicht, ob man einfach nur genießen soll oder ob man die Tränen kullern lässt, weil es sowas unglaublich Schönes wie Eva Mali und ihre Stimme gibt. Grandios. Das Publikum schien es zumindest genauso zu empfinden. Fortan wech- selte Eva Mali zwischen Piano und Bühnenmitte als zweite weibliche Gesangsstimme.
Der zweite wahre Paukenschlag des Abends gelang der Band mit dem von Puff Daddy gecoverten Led-Zeppelin-Klassiker „Kashmir“. Der etwa acht Minuten lange Song avan- cierte unter dem Titel „Come with me“ (Puff Daddy, Jimmy Page/Led Zeppelin) zum Soundtrack der „Godzilla“-Verfilmung aus dem Jahre 1998. Eigentlich ist der Begriff Lied oder Song untertrieben. „Kashmir“ ist ein musikalisches Werk! Auf der Bühne wur- de alles aufgefahren, was den momentanen Höhepunkt des Abends gelingen ließ: Eine alle Register ihres Könnens ziehende Band, die acht männlichen Gesangsstimmen im Wechselspiel mit den beiden am linken und rechten vorderen Bühnenrand im Nebel pos- tierten Damen Amelia und Eva; Licht, Laser, Feuer, Nebel – dazu zwei riesigen Pauken, deren beide Paukenstöcke in den Händen des Musikers wie Fackeln brannten, während der Paukenspieler selbst sich noch dem Feuerspeien hingab. Die beiden Damen machten der Originalstimme Robert Plants alle Ehre. Es war eine atemberaubende „Kashmir“- Interpretation.
Den typisch trockenen britischen Humor bewies die Band bei den Videosequenzen im Hintergrund. Denn alle Hauptpersonen in den Videos wurden durch Mitglieder von Gre- gorian ersetzt. Da das Konzert unter dem Motto “Berühmte Filmmusiken” stand, erschien zu Beginn das Metro-Goldwyn-Mayer-Logo. Der brüllende Löwe im MGM-Logo war aber ein Bandmitglied von Gregorian. Beim Titanic-Song standen nicht Kate Winslet und Leonardo Di Caprio mit ausgebreiteten Armen an der Bugreling, sondern ebenfalls zwei Gregorian-Mitglieder. Bei einem anderen Video wurde in der Tanzszene des „Jack Rabbit Slim´s Twist Contest“ aus Pulp Fiction der männliche Part (John Travolta, der mit Uma Thurman twistete, http://www.youtube.com/watch?v=-dt6nHTKnbs) durch einen Gregorian ersetzt. Bei „Come with me“, die Coverversion des Led Zeppelin-Songs „Kashmir“ für den Godzilla-Film stapfte statt der Riesenechse ebenfalls ein Gregorian durch die Wolkenkratzerschluchten New Yorks. Besonders schön fand ich auch – ich glaube es war bei der Filmmusik zur Liebeskomödie „Notting Hill“ – folgendes Video: alle männlichen Mitglieder der Gregorian wurden nacheinander auf der Leinwand mit ihren Frauen eingeblendet; sie küssten ihre Frau und lächelten danach beide ins Publik- um, ein Pärchen nach dem anderen.
Ein Highlight im Zugabenteil des Konzertes war die gemeinsame Interpretation des bibelbezogenen Songs „Halleluja“ durch alle Bandmitglieder. Ausnahmslos alle bewie- sen, daß sie singen können. Während die Musiker sowie die beiden grandiosen Sopra- nistinnen Eva und Amelia jeweils eine Liedstrophe sangen, sangen die acht „Mönche“ den Refrain. Diesen Refrain sangen sie ebenfalls einzeln und begaben sich dabei von der Bühne durch das Publikum zu den Technikern. Einer nach dem anderen, jeder bei seinem Einsatz. Dort blieben sie stehen, bis sie alle acht angekommen waren. Es war eine sym- bolische Geste der Danksagung an ihre Techniker, ohne die so ein Spektakel im wahrsten Sinne des Wortes nicht über die Bühne gehen würde.
Noch ein Wort zu einer wahren Seuche der Neuzeit, den Smartphones: Keiner will ohne seine Einwilligung fotografiert oder gefilmt werden. Das muß man nicht extra auf eine Eintrittskarte schreiben. Nicht alles, was nicht ausdrücklich verboten ist, ist zwangs- läufig erlaubt oder erwünscht. Auch wenn unsere ach so freiheitlich-antiautoritäre Gesell- schaftsordnung dies suggeriert! In einem Stadion mit 20.000 Menschen und einem Stand- ort von 300 Meter oder mehr weit weg von der Bühne, mag das vielleicht keinen interes- sieren. Dem einen oder anderen Künstler ist es vielleicht auch völlig egal. Aber im räum- lich eher überschaubaren Parkett einer Stadthalle können und dürfen Künstler ihre Privat- sphäre (unerlaubte Fotos, Videos) schützen. Das muß auf keiner Eintrittskarte stehen. Das hat etwas mit Anstand zu tun. Die Smartphons-Filmer stören die anderen Zuschauer im Publikum und rufen die Security auf den Plan – was wiederum auch stört. Ich bin auch der Meinung, daß man sich das Leben halb so schwer macht, wenn man auf Provoka- tionen verzichtet und statt mit den Security-Leuten herum zu diskutieren sich einfach nur auf den Konzertabend einlässt. Denn dafür ist man hergekommen.
Von Fanz Josef Wagner, BILD_Kolumnist: “Als Rockstar sind Sie (Anm.: gemeint ist Heino) wie ein falscher Doktor. Totenkopfringe, Lederjacke, Nietenarmband. Es ist wie verkleiden.”
http://www.bild.de/news/standards/franz-josef-wagner/lieber-heino-28420466.bild.html
Heino musste Zeit seines Lebens Prügel und Satire einstecken. Wegen seines “schwarz- braun ist die Haselnuss” wurde er in der DDR sogar in die rechte Ecke geschoben. Otto ließ ihn sogar als Michael Jacksons “Thriller” aus dem Grab auferstehen.
http://www.youtube.com/
Andere, die nie aus dem Klischee des “Berg- und Täler-Sängers” oder des “ewige-Liebe-Gejodel” herauskamen und damit unglücklich waren, haben sich aufgehängt oder sind vom Balkon gesprungen. Heino lebt noch!
Warum soll er nicht mal das Repertoire wechseln? Er tut es nicht, weil er Geld braucht, sondern aus Spaß an der Musik und aus Freude an der Musik. Und: es ist ihm gelungen.
Schon andere Hardrockbands versuchten sich an klassischen Adaptionen und auch ein Hellmuth Lottis Repertoire reicht von Heimatsongs über ausländische Folklore bis zum Hardrock. Solange die Plattenlabels und Bands wie “Die Ärzte”, “Rammstein” oder “Billy Idol” nichts dagegen haben, lasst ihn doch machen. Coverversionen gab es schon immer und wird es immer geben. Manchmal sind die sogar besser, als das Original
“Pilobolus” zeigte in drei Vorstellungen innerhalb 24 Stunden seine Show “Shadowland”
Stadthalle Chemnitz, 02.02.2013:
http://www.youtube.com/watch?v=-Cdx-jQacXk
Das amerikanische Tanz- und Akrobatiktheater “Pilobolus” zeigte in drei Vorstellungen innerhalb 24 Stunden seine Show “Shadowland“. Das ganze wird untermalt mit Musik von Klassik bis Rock.
Es war grandios. Die Idee dazu ist außergewöhnlich und die Tanzshow atemberaubend. Die Tanzshow vor und hinter der Schattenleinwand vermittelt eine Leichtigkeit, daß man glaubt, man müsste auf die Bühne gehen und mitmachen.
Es geht ohne Pause etwa 1,5 Stunden. Die ganze Show beinhaltet ein Thema: den Traum einer jungen Frau, der Hauptdarstellerin. Der Traum war schon fast ein Albtraum. Verzaubert als Mädchen mit Hundekopf irrt sie verstoßen durch die Welt, bis sie letztlich Kentaur trifft, ein ebenso wie sie verstoßenes und ungeliebtes Geschöpf, halb Pferd und halb Mensch. Innerhalb des Traumes kommt es zu einem weiteren Traum, sie verliebt sich in Kentaur. Ein wunderschöner erotischer Tanz VOR der Schattenleinwand als “echte Personen” folgt, bevor sie beide wieder in ihre Schattenwelt HINTER der Leinwand zurückkehren.
Das “Thema” endet mit dem Erwachen der schlafenden Hauptperson und der Rückkehr in die Realität. Die Show endet letztendlich nach zwei kleinen Zugaben. Grandios!
http://www.youtube.com/watch?v=GY1-9starcc