Archiv für Februar 2010
Welchen Stellenwert hat Alkohol im gesellschaftlichen Leben?
Zur Alkoholfahrt und dem Rücktritt der Bischöfin und Vorsitzenden des Evangelischen Kirchenrates in Deutschland, Margot Käßmann. Der Artikel erschien am 03.03.2010 leicht gekürzt auch in der Ostthüringer Zeitung und in der Freien Presse.
Vor einem halben Jahr kannte ich noch keine Frau Käßmann. Ich bin auch kein Christ, wohl aber mit gesundem Menschenverstand ausgestattet. Mir war sie von Anfang an sympathisch und ich mag sie immer noch. Sie ist ein Mensch wie „Du und ich“ und dennoch eine eigene Persönlichkeit. Sie hat eine Biographie, die beinahe die eines jeden „Normalos“ sein könnte: Scheidung, eine schwere Krankheit, Kinder und einen Beruf (der ihre Berufung ist). Angriffsbereit und streitbar setzt sie sich für brisante Themen ein. Und gleichzeitig ist sie verletzbar und schwach. Sie ein Mensch mit Ecken, Kanten und Fehlern.
Wen wollen wir denn als Vorbilder? Menschen, die unerreichbare Ideale verkörpern und den einfachen Menschen überhaupt nicht realistisch erscheinen? Oder Menschen, die Menschlichkeit und Normalität im Rahmen ihrer Möglichkeiten verkörpern, aber auch fehlbar sind wie „Du und ich“?
Frau Käßmann hat man mit 1,5 Promille beim überfahren einer roten Ampel erwischt. Von jetzt auf gleich hat sie sich allen, denen sie ein Dorn im Auge war, zum Fraß vorgeworfen. Ich will nicht darüber debattieren, ob sie zurücktreten soll oder wie ihre beruflichen Konsequenzen aussehen.
Eine rote Ampel ist Gott sei Dank kein Mensch, es hätte aber einer sein können. Insofern ist niemand zu Schaden gekommen. Da sind die jüngsten Debatten in der katholischen Kirche immer noch brisanter! Frau Käßmann hat straf- und verkehrsrechtliche Konsequenzen zu befürchten und die soll sie auch tragen. Ebenso hat sie für sich eine moralische Aufarbeitungspflicht. So gesehen sollte der Warnschuß vor den Bug für sie und ihre Konsequenzen sehr ernst genommen werden. Denn aus dem Warnschuß „rote Ampel“ kann auch schnell ein Ernstfall „toter Mensch“ werden. Aber ihr deswegen auch noch das berufliche Standbein wegzuschlagen . . . ?
Wer mit 1,5 Promille Auto fährt, muß eine Art Übung im trinken haben. Ich will ihr nichts unterstellen, sie kennt sich da sicher selbst am Besten. Aber (vielleicht!) sollte Frau Käßmann ihr Trinkverhaltens überdenken. Wenn nicht jetzt, wann dann? Dabei spielt es keine Rolle, ob sie nur gehörigen (Alkohol-) Mißbrauch betreibt, suchtgefährdet oder alkoholkrank ist. Gesundheitlich tut sie sich keinen Gefallen, egal welcher Fakt vorliegt. Im krassesten Fall wird es auch nicht ohne Hilfe gehen. Man muß es sich nur eingestehen und ändern wollen. Das Problem kennt jeder, der das durch hat. Ich weiß, wovon ich rede. Ich weiß aber auch, daß der erste Schritt der schwerste ist. Ihn zu gehen, konsequent, lohnt sich! Aber: das betrifft alles ihr persönliches Resümee.
Ich möchte aber ein anderes Thema ansprechen.
Alkohol hat einen unwahrscheinlich hohen Stellenwert in unserer Gesellschaft. Trinken darf man faktisch immer. Nicht einmal die Einweihung einer kleinen Brücke über den Dorfbach oder die Grundsteinlegung eines Klettergerüstes gehen ohne Glas erheben ab. Wer nicht mittrinkt, muß sich erklären. Warum? Reicht es nicht, wenn man sagt „ich will nicht“. Nein, man muß schon die Tageszeit, das Auto, das Wetter oder Medikamente ins Feld führen, warum man nichts trinken will. Das ist im privat-geselligen Bereich genau so wie im beruflich- oder gesellschaftlich-geselligen Bereich. Alkohol ist eine Droge mit Legitimation quer durch alle Schichten. Es wird in der Oberschicht und in der Unterschicht getrunken. Da gibt es keinen Unterschied zwischen dem Kognak trinkendem Mediziner, dem Bierbuden-Hartz-Vierer, dem komasaufenden Jugendlichen oder der schnapsdrosselnden Hausfrau. Alkoholabhängigkeit wird bagatellisiert und der weit verbreitete Mißbrauch belächelt. Die Unwissenheit im Volk zu Alkoholsucht und Alkoholabstinenz ist erschreckend!
Ich hatte mal einen Schichtmeister, der sagte: „Man muß nicht auch noch auf Arbeit trinken. Wer auf Arbeit trinkt, trinkt rund um die Uhr“. Recht hat er und belächelt wurde er.
Zu DDR-Zeiten hatten wir zum Beispiel im Straßenverkehr und auf Arbeit eine Null-Promille-Grenze. Das hat natürlich nur einen Sinn, wenn so was auch kontrolliert wird. In unserer antiautoritär-liberal-verblödeten Gesellschaft schon fast ein Problem, so etwas einzuführen. Aber wie will man Regeln kontrollieren, wenn denen, die es tun sollen, keine richtige Handhabe gegeben wird? Warum werden Wischiwaschi-Regeln eingeführt? „Alkohol im Betrieb ist nicht verboten, er ist nur nicht erwünscht“ oder 0,3 … 0,5 … 0,8 Promillegrenzen im Straßenverkehr? Weil dann auch die, die das beschließen, davon betroffen wären. Das wollen sie aber nicht. Also haben wir trinkende Chefetagen, trinkende Politiker, trinkende Arbeiter und Angestellte, Arbeitslose und Hausfrauen. Wer nicht mitmacht, muß sich erklären können. Wer erwischt wird, der gehört zur Spitze eines Eisberges und war zu blöd, von dieser fern zu bleiben. Und mit diesen liberalen Wischiwaschiregeln hält man die Spitze des Eisberges bewußt klein. So wird lustig weiter Mißbrauch betrieben und der hilfebedürftige Suchtkranke wird meistens auch nicht erkannt. Wenn er/sie überhaupt bereit zu Einsicht und Hilfe ist, sein Problem wird belacht – oder man hat jemanden, um mit dem Finger auf ihn/sie zu zeigen und von sich abzulenken. „Ich doch nicht!“
P.S.: Frau Käßmann ist zurück getreten. Ich wünsche ihr alles Gute und die richtigen privaten Konsequenzen. Der Fall Margot Käßmann entbehrt nicht einer gewissen menschlichen Tragik. Häme kann man dabei nicht empfinden, ich jedenfalls nicht. Sie “fällt dennoch nicht tiefer, als Gott seine Hände für sie aufhält”, sagt sie. Ich wünsche es ihr.
Das gesellschaftliche Problem Alkohol bleibt.
Prost!
meine Meinung zur Parteienpolitik in Deutschland
Da ich krankgeschrieben bin, konnte ich nebenbei immer wieder mal in die Übertragung des Politischen Aschermittwoch reinschalten. Herr Gabriel (SPD) vergleicht es so: “Die Narren in Deutschland müssen die Rathausschlüssel und die Macht bis Ende des Jahres wieder abgeben. Ganz anders die in Berlin, die in der Regierung (Gelächter und Beifall)”. Herr Seehofer (CSU) spricht von “… aber es ist kein Tsunami, es war nur eine Westerwelle”. Und so habe ich von jedem Parteichef ein paar saftige rhetorische Rundumschläge erhaschen können. Aber darauf will ich nicht eingehen – wie auch auf Karneval und Aschermittwoch im Allgemeinen nicht 
Aber zur nervigen deutschen Parteienpolitik im Allgemeinen und dem steigenden Desinteresse an Politik sowie der Unzufriedenheit mit Demokratie im Besonderen möchte ich mich kurz äußern:
Da spricht Herr Westerwelle (FDP) von “spätrömischer Dekadenz”. Ich nehme an, er hat den Senat und die wohlhabenden Oberschichten gemeint. Etwas anderes käme als Vergleich schwer in Frage. Dazu fällt mir ein Ausspruch des späteren römischen Kaisers Cäsar ein – ausgesprochen im Film als noch junger Mann im Fernsehzweiteiler “Cäsar”. Er meinte damit die Streitereien im Senat, den nur mit sich selbst beschäftigten römischen Kongreß:
“Das Volk braucht einen Diktator!
Einen Guten, einen Gerechten.
Einen mit Visionen.
Einen, den das Volk liebt.”
(Cäsar, im Film)
Im Film “Braveheart” klingt das aus dem Munde des Helden William Wallace ähnlich und trifft meine Meinung zur deutschen Politik, dem Parteiengezänk, zu unserer Demokratie und unserem Föderalismus ganz sehr.
. . . zu Robert the Bruce: “Was heißt es, ein Edelmann zu sein?
Was Ihr darunter versteht weiß ich.
Ihr glaubt, daß es die Menschen dieses Landes gibt,
um Euch zu Eurem Stand zu verhelfen.
Ich glaube, Daß es Euch gibt, um diesem Land zu dienen
und die Menschen dieses Land zu führen!
Aber die Edelleute sind verstritten und
nur mit sich selbst beschäftigt.
Sie balgen sich um die Reste von Longshanks Tafel
und können sich nicht einmal auf die
Farbe von Scheiße einigen!”
(William Wallace, im Film)
Eigentlich hat doch nun seit 1949 fast jede Partei regiert und auch in der Opposition gesessen. Und fast jeder hat schon mit fast jedem koaliert. Richtig besser oder gar anders konnte es keiner. Ein Schelm, der Arges dabei denkt
Sollte es am Ende am System liegen?
Nachtrag 2012
1.) In seinem Buch “Deutschland, Abstieg eines Superstars” schreibt Gabor Steingart sinngemäß: “Deutschland besitzt eine der schwerfälligsten Regierungen weltweit!” Gemeint sind damit die Parteienlandschaft, der teilweise unsinnige Föderalismus und die Gegenspieler Bundestag und Bundesrat. Die deutsche Regierung kann bei Beschluss- fassungen auf keinen grünen Zweig kommen!
2.) Peter Scholl-Latour, 88-jähriger “Weltpolitik-Reisender”, Nahostkenner, ehemaliger Herausgeber des „Stern”, Journalist und Publizist – zitiert sich in seinem Buch „Die Welt aus den Fugen (2012)” mit einer Aussage von 2009 selbst – die da lautet:
„Die Linke, vor kurzem noch als schlecht getarnte Kommunisten angeprangert, hat sich eine Statur entwickelt, die für die Sozialdemokraten eine existentielle Bedrohung darstellt. Es wird wirklich Zeit, daß die Politiker der Bundesrepublik-West der so glühend gefeierten Wiedervereinigung Deutschlands Rechnung tragen und zur Kenntnis nehmen, daß diese Partei nicht einfach ausgegrenzt und ignoriert werden kann!” (meine Anm.: und auch das „Beobachten lassen” durch den Verfassungsschutz nicht der richtige Weg ist).
Manche der Linken (Frau Wagenknecht, Herr Lafontaine, Herr Gysi) gehören zu den fähigsten Politikern Deutschlands – wenn man sie machen lassen würde – mit Visionen und Gerechtigkeitssinn. Politiker, die für ihre Ideale leben! Was werfen ihnen die Polemiker und die Populisten dieses Systems vor, außer daß sie Linke sind?
Ich muss noch einmal einen Prominenten zitieren: „Ich bin erst durch die Wende zum überzeugten Ossi und ehemaligen DDR-Bürger geworden” Und tatsächlich läuft vieles falsch in diesem Land und in dieser Gesellschaft.
3.) Peter Scholl-Latour, 88-jähriger “Weltpolitik-Reisender”, Nahostkenner, ehemaliger Herausgeber des „Stern”, Journalist und Publizist – zitiert sich in seinem Buch „Die Welt aus den Fugen (2012)” mit einer Aussage in einem NTV-Interview von 2009 selbst – die da lautet: “… die westliche Demokratie ist für diese Länder (Anm.: Afghanistan im Be- sonderen und Nahost im Allgemeinen) nicht tauglich, das muss man endlich mal ver- stehen! Es gibt auch kaum Länder, die die westliche Demokratie so praktizieren wie wir sie gerne haben wollen. Nennen Sie mal die Länder, die demokratisch regiert werden – außerhalb von Europa. Schon innerhalb Europas ist das teilweise fraglich. Da kommen wir doch zu einem erbärmlichen Resultat. Die Länder, die erfolgreich regiert werden, werden doch autokratisch oder von einer Partei regiert – nehmen wir die Schwellenländer oder frühere Länder der Dritten Welt. Die großen wirtschaftlichen Erfolge sind doch nicht durch die Demokratie gekommen, sondern durch eine kluge autoritäre Führung.”
Ein Ausflug zum Auersberg im Januar 2010
An einem schönen und sonnigem Sonntag Ende Januar 2010 war das verschneite Westerzgebirge unser Ausflugsziel. Auch ohne ein Wintersportfreak zu sein kann man sich an der klaren Luft und der herrlich verschneiten Landschaft erfreuen. Was uns zwischen Frühjahr und Herbst ein beliebtes Motorradtourenrevier ist, bietet im Winter eine völlig andere Sicht auf die Dinge. Wir wählten ab Greiz den Weg durch das Göltzschtal nach Rodewisch – weiter über Rützengrün/Schnarrtanne und Schönheide zur B 283. An Höhe hatten wir bereits beträchtlich zugelegt. Ringsum war alles märchenhaft anzusehen. Die B 283 befuhren wir in Richtung Klingenthal bis zum Abzweig Wilzschhaus/Carlsfeld. Die Zwickauer Mulde seitlich der Straße plätscherte so vor sich hin, die zugefrorenen Flößergräben auf der anderen Straßenseite nicht mehr. Da war nur noch Eis. Von Wilzschhaus führte uns der Weg nach Carlsfeld. Was zu einer anderen Jahreszeit ein idyllisches Hochtal ist, war heute “nur” eine traumhafte Landschaft wie aus einem Märchen. In Carlsfeld war Pause. Wir wollten Eindrücke sammeln. Die Weihnachtspyramide zum Beispiel sah mit ihren Schneewehen auf den Flügeln recht lustig aus und auch die Rundkirche gab ein völlig anderes Bild als im Sommer. Als junger Zimmerergeselle arbeitete hier George Bähr mit, der spätere Erbauer der Dresdner Frauenkirche. Zentralbau nennt man diese Rundkirchen, wie sie zum Beispiel auch in Forchheim/Erzg., Schmiedeberg, Seiffen oder Klingenthal stehen.
Von Carlsfeld aus überquerten wir die “Paßhöhe Hefekloß, 1788 halbe Meter”. Dort befindet sich auch der Abzweig ins Hochmoor Großer Kranichsee. Wir fuhren indes weiter ins Tal nach Wildenthal und hatten schon bald den Auersberg vor unserer Nase. Nun mußten wir ihn nur noch umfahren um zur Sauschwämme zu gelangen. Dort stellten wir das Auto ab, der Rest sollte in den nächsten 2,5 Std. per Pedes geschehen.
Was mich immer wieder stört: der Auersberg ist nicht der zweithöchste Berg des Erzgebirges!! Es sei denn, man betrachtet nur die deutsche Seite. Das muß man dann aber dazu sagen. Denn im Gebiet des tschechischen Keilberges sind noch ein paar Gipfel höher… Und selbst der Fichtelberg wäre nämlich dann nur der zweithöchste Berg des Gebirges. Aber: auf deutscher Seite sowie in Sachsen generell wollen wir das gelten lassen. Der Marsch bis in eine Höhe von 1018 (1019?) Metern zog sich. Aber es war angenehm. Nur stellenweise mußte man die Ohren festhalten, generell hielt sich der Wind in Grenzen. Leider gab es von oben nicht mehr die schöne Fernsicht, die es von unten versprach zu sein. Es hatte sich zugezogen.
Zurück am bzw. im Auto wartete schon Kaffee und Quarktorte und natürlich auch etwas Süßes zu Naschen auf uns, bevor wir dann die Heimfahrt antraten.
Noch mehr zum Wilzschtal und dem Auersberg sowie zu dieser sehr empfehlenswerten Runde unter der Kategorie (Menüpunkt) “Tour- und Ausflugstips” dieser Blogseite.
Wenn die in meinen Tourbeschreibungen veröffentlichte Motorradtour in dieser Region gerade in der Veröffentlichung ist, gibt es auch hier Info´s dazu:
Carlsfeld, Wilzschtal, Auersberg
meine Motorradfahrerjugend
Die untergegangene DDR hatte einige Beinamen: Leseland DDR, Campingland DDR oder auch Zweiradland DDR beispielsweise. Alle diese Umschreibungen haben eines gemeinsam: es wird auf einen Umstand des gesellschaftlichen Lebens verwiesen, der überdurchschnittlich bezeichnend für das Leben in der DDR gewesen ist – Lesen (Hobby, Freizeit, Bildung), Camping (Urlaub), Zweiräder (Individualverkehr). Zugrunde liegen dabei mehrere Tatsachen: es werden die sich bietenden Möglichkeiten genutzt, sei es vom Angebot her oder auch finanziell. Mangels Alternativen hatte man eigentlich oft keine richtige Wahl. Auch bei den Alternativen zählte der Fakt des Angebotes genauso wie der der finanziellen Möglichkeiten. Und noch eine Tatsache darf man nicht vergessen: man muß die Zeit dazu sehen. Denn vieles war „drüben“ eigentlich nicht anders. Man muß dazu nur Filme oder zum Beispiel Designausstellungen über die 1960/70er Jahre anschauen. Nur daß die Entwicklung anderswo („drüben“) weiterging. Bei uns blieb sie stehen und gegen Ende der DDR lief sie – gefühlt – sogar zurück. Keiner will die Zeiten der untergehenden DDR zurück haben. Offen lasse ich, ob in der heutigen Wirtschaft – oder bleiben wir bei unserem Thema Staßenverkehr und Zweiräder – ob in den neuzeitlichen Verkehrskonzepten der Stein der Weisen gefunden wurde. Ich bezweifle das. Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Vieles wird so, wie es heute ist, auch nicht bleiben können.
Nun hatte die DDR renommierte Zweiradhersteller im eigenen Land. SIMSON in Suhl, hervorgegangen aus einer Jagdwaffenschmiede, und MZ (Motorradwerk Zschopau). Der Zschopauer Hersteller ist hervorgegangen aus den Motorradwerken des Dänen Jörgen Skafte Rasmussen. Seit 1922 werden dort Motoren und Motorräder gefertigt. Das Werk gehörte später zu DKW. Aus DKW, Horch, Wanderer und Audi wird die Auto-Union. Nach dem Krieg beginnt man in Zschopau wieder mit der Motorradproduktion. Die MZ-Werke gehören zum DDR „Konzern“ IFA (Industrieverband Fahrzeugbau). Der älteste Zweiradhersteller der Welt war zeitweilig auch der Größte.
Hier muß ich gleich einmal mit zwei Irrtümern aufräumen.
Erstens: wer prägte den Begriff von der „Emme“? Mag sein, daß das von Emmmzettt kommt. Ich kenne aber niemanden, der zu DDR-Zeiten diesen Begriff kannte oder so redete. Die Esse für ES (150, 250) ja, oder als Abkürzung von Hundertfuffz´ger eben die HuFu. Aber Emme? Vor der Wende nie gehört.
Zweitens: es heißt die Honda, die Yamaha, die MZ, aber woher kommt seit der Wende der Begriff die Simson? So hat niemand geredet. Die Schwalbe – ja, die AWO – ja (gehörte zu Simson). Aber nie die Simson. Das Simson!
Nun waren aber die Gegebenheiten nach 1945 mit fortschreitender DDR-Wirtschaft eine völlig eigene Geschichte… Aber wollen wir den Fahrzeugbauern der DDR ihre Produkte nachtragen? Sie hatten nie die Möglichkeiten, sich mit denen außerhalb des RGW zu messen. Entweder, man war gerade auf einer Trend-Schiene, oder man war es nicht. Mit fortschreitender internationaler Wirtschaftsentwicklung war man es in der DDR meistens eher nicht. Dennoch war die Moped- und Motorradproduktion ein Wirtschaftszweig, der im Verhältnis gesehen florierte und den Bedarf einigermaßen deckte. Das kam in der DDR nicht oft vor. Bei den Autos sah das nämlich ganz anders aus. Der Bedarf wurde nie annähernd gedeckt. Warum auch? Der öffentliche Personenverkehr war ein ausgeklügeltes System, angepaßt zum Beispiel an Ferien und Schichtarbeitsrhythmen. Außerdem waren die Fahrpreise staatlich gestützt und äußerst günstig. Auf ein Auto 10 bis 15 Jahre zu warten hatte nur einen halbwegs guten Nebeneffekt: man konnte die Zeit zum Sparen nutzen. Und man hatte Zeit, sich um die Fahrerlaubnis zu kümmern, denn die gab es auch nicht ohne lange Wartezeiten.
Richtig gehört: Fahrerlaubnis! Einen Führerschein gab es nicht, es gab ja auch keinen Führer mehr. Und wer in der DDR wollte den wiederhaben – den Führer? Keiner. Jedenfalls rissen 400 DDR-Mark für eine Fahrschule ähnliche Löcher in die Haushaltskassen wie 1500 € heute. Da sah das bei den Zweirädern ganz anders aus. Ohne lange Wartezeiten konnte man den Führer… pardon die Fahrerlaubnis für Moped oder Motorrad machen. Erschwinglich war es auch und schon war man als Jugendlicher mobil und unabhängig. Das zahlte sich dann auch im Berufsleben aus. Für die Familien blieb aber weiterhin in den meisten Fällen der Zug oder Bus die erste Wahl.
Bei der Gelegenheit muß ich gleich scharfe Kritik an den heutigen Zuständen loswerden. Fahrschul- und Prüfungsmodalitäten für den Motorradführerschein sowie die unsinnige 45 km/h Regelung für Mopeds gehören stark überarbeitet. Wenn hier nichts passiert, laufen der Zweiradindustrie die Kunden und Interessenten unverschuldet davon. Das scheint aber außerhalb der betroffenen Branche niemanden zu interessieren. Leider. Es gab auch zu DDR-Zeiten einen Mopedführerschein und einen für´s Motorrad (der das Moped mit beinhaltete). Der Motorradführerschein war ebenfalls gestaffelt. Dennoch ging das alles einfacher und ohne das Gefühl zu haben, alles doppelt und dreifach bezahlen zu müssen.
Übrigens, um 1980 fand ein Umtausch der Fahrerlaubnis statt. Da ich 1981 den PKW/LKW-Schein machte, bekam ich die Neue automatisch. Die bzw. der hieß dann doch wieder Führerschein und hatte statt Fahrerlaubnisklassen in Ziffern Führerscheinklassen in Buchstaben.
Noch etwas zur DDR-Fahrerlaubnis: zu den „Fleppen“ gehörte ein Berechtigungsschein, umgangssprachlich die Stempelkarte. Bei Verkehrsverstößen kamen zu den Geldstrafen gleich vor Ort die Stempel rein. Bis zu zwei Stempel schleppte man 4 Monate mit sich herum, darüber quälte man sich acht Monate. Bei Fünf Stempeln war die Karte voll und eigentlich wurde sie dann eingezogen. Damit drohte Fahrsperre. Selten ließ ein Polizist jemanden mit voller Karte weiterfahren. Aber es kam vor. Das war natürlich dann ein Zitterspiel: nur nicht auffallen, egal wie. Nun gab es ja keinen Bußgeldkatalog wie heute. Jedenfalls wußte man nichts von dergleichen. Und einen Polizisten anzuklagen oder ein – selbst wenn nur geschätztes Tempo – anzuzweifeln, das wäre in der DDR niemals möglich gewesen. Einem jugendlichen Zweiradfahrer gleich gar nicht, der war immer Rowdy! So passierte mir in Gersdorf bei Hainichen auf der Fernverkehrsstraße F 169 folgendes: ich kam von der Ferienarbeit in Hainichen und im Ort Gersdorf hielt mich der ABV an. Ich wäre zu schnell gefahren, mindestens 70 km/h. Das machte zwei Stempel und 10 Mark. Da es ausgerechnet der „Tag der Volkspolizei“ war, wurde ich das Gefühl nicht los, noch einen Zuschuß für die Feiertagskaffeekasse geleistet zu haben. Es gab aber auch Polizisten mit Herz. So fuhr ich 1982 mit der MZ TS 250 nach Rügen. In Prenzlau verließ ich die Autobahn und war schon lange auf der Fernverkehrsstraße unterwegs. Mit fast 20 Km/h Überschuß wurde ich gemessen und angehalten: „Guten Tag, blabla, wieso und warum. WARUM fahren WIR denn so schnell?“ „Ich komme von der Autobahn und habe das Landstraßentempo noch nicht verinnerlicht.“ „Die Autobahn ist 50 Kilometer weg. Das kostet Zwanzig Mark und gibt zwei Stempel.“ „Mmh, äh, zwanzig Mark bezahle ich. Zwei Stempel passen nicht mehr rein“. Der Polizist schlägt die Fahrerlaubnis auf, sieht eine volle Stempelkarte, wird ernst – und ich bleich. „Sie wollen nach Rügen? Geben sie die Zwanzig Mark, verschwinden sie und fahren Sie vernünftig. Sonst sehen Sie die Insel Rügen so schnell nicht wieder.“ Uff, Stein vom Herzen! Übrigens gingen solche Aktionen immer mit dem erhobenen Zeigefinger und einer Erziehung einher. Die DDR-Staatsmacht strafte nicht nur, sie belehrte auch. Die Polizei, Dein Freund und Helfer. Mein Vater kam mit einem Simson SR-2 die Dorfstraße in Sachsenburg entlang gefahren. Der damalige Zustand der Dorfstraße, die Motorleistung des SR-2 und das korrekte Unrechtsbewusstsein meines Vaters schließen Geschwindigkeitsvergehen eigentlich aus. Dennoch hielt es der ABV für nötig, meinen Vater anzuhalten: „Herr Brückner, rasen Sie nicht so! Sonst steht auch für Sie noch ein Baum bereit.“
Noch eine lustige Begebenheit. Es geht erneut um den ABV, der meinem Vater prophezeite an den Baum zu fahren, wenn er weiter so mit dem SR-2 rast:
Nach dem Krieg bis weit in die 1960-er Jahre war Sturzhelm tragen nicht Pflicht. Später war es Pflicht außerhalb geschlossener Ortschaften, dann Pflicht generell. Zwischendurch wurde es den Sozius empfohlen und später ebenfals zur Pflicht gemacht. So weit, so gut.
Als es Pflicht wurde, außerorts einen Helm zu tragen, hatte der Gesetzeshüter von Sachsenburg ein neues Betätigungsfeld gefunden. Mein Stiefvater wohnte damals in Sachsenburg und arbeitete die Woche über auf Montage, häufig per SR-2 nach Altchemnitz. Wenn er heim kam, waren alle Läden und Tankstellen zu. So ließ er sich von Freunden, die am Ortseingang im ersten Haus wohnten, 2 Kanister Benzin aus Frankenberg mitbringen, die sie für ihn lagerten. Am Samstagvormittag nahm mein Vater seine AWO (wegen der Transportmöglichkeiten) und holte sein Benzin, ohne Helm! Er hatte den Ort nicht verlassen, das Haus stand am Ortseingang. Der ABV in der Ortsmitte hielt ihn an. Wo er herkommt, ohne Helm und mit zwei Kanister Benzin? Nur die Tankstelle in Frankenberg käme in Frage und die erreicht man nur per Überlandfahrt. Nun hat mein Vater dem ABV erklären wollen, wo er sein Benzin geholt hat und er nur im Ort unterwegs war. Der ABV konnte ihm das Gegenteil nicht beweisen, aber er hat gestritten bis auf´s Messer. Damals konnte man aber den Dorfpolizisten zum Glück noch mit der Bemerkung “Du Ochse” oder “Du Streithammel” einfach stehen lassen
Der Beginn meiner Motorradfahrerlaufbahn begann 1979 in meinem 17. Lebensjahr. Denn da machte ich die Fahrschule. Die Zeiten, als die Besitzer einer 350er Jawa die Kings bei den Kumpels und angehimmelt von den Mädchen waren, kenne ich nur noch vom Hörensagen. Auch die beliebte AWO-Sport war weitgehend aus dem Straßenbild verschwunden und entwickelte sich zum stillen Kultobjekt. Meine Zeit war die Zeit der Umstellung von den Vollschwingenfahrzeugen der Typen MZ ES zu den Telegabelmodellen der Typen MZ TS. Auch die MZ ETS 250 fiel in meine Zeit. Die Fans mögen es mir verzeihen: ich war von der einst schnellsten und sportlichsten Serienmaschine von MZ nie begeistert. Mir gefiel sie nicht. Ich war damals schon der „Tourenfahrer“. Ich brauchte keinen Büffeltank oder einen tiefen Sportlenker. In meine Zeit fiel auch der Wechsel von der Simson-Vogelserie (außer der Schwalbe) zu den Simson S-50 (51) Modellen. Verschwunden aus dem Straßenbild waren diese abgelösten Typen über Jahre und Jahrzehnte aber noch lange nicht.
Im Westen hatten sich mittlerweile die Japaner etabliert und fingen an, mit Honda, Kawa und Co. den Markt zu übernehmen. Es war die Zeit der hubraumstarken Zweitaktmodelle und der großen luftgekühlten Viertakter mit bis zu sechs Zylindern. Mann wenn ich daran denke: das Poster einer Kawasaki 750 H2, einer Z 1000 oder gar einer Z 1300 beim Sachsenringrennen zu erstehen und dann im heimischen Zimmer aufzuhängen. Traumhaft. Das war schon fast wie im Film „Stunts – Männer ohne Nerven“. Der Hauptdarsteller hatte auch seine Kawasaki neben dem Bett stehen. Wie viel mehr Begeisterung entlockte uns dann eine tatsächlich irgendwo entdeckte Maschine der Traummarken. Sofort bildeten sich Menschentrauben. Wie dem auch sei, wir buken kleinere Brötchen. Aber keine schlechten.
Es gab mehrere Möglichkeiten, an ein Moped oder Motorrad zu kommen. Man hatte wohlhabende Eltern und ließ sich ein S 50 zur Jugendweihe schenken. Den Schein konnte man mit 15 Jahren machen. Mich betraf das nicht. Meine Eltern hatten vier Kinder und meine Mutter war 15 Jahre Hausfrau. Da war das Geld knapper. Oder man hatte in der Familie ein ungenutztes Moped herumstehen. Blöd, wenn man das nicht nutzte. Da nahm man sogar als Junge eine Schwalbe in Kauf. Bedeutend beliebter waren aber Habicht und Star. Für den schnellen Sperber brauchte man die Motorrad-Fleppen. Als Junge eine Schwalbe zu fahren war in etwa so cool, wie als Junge ABBA oder Ute Freudenbergs „Jugendliebe“ gut zu finden. Zum Glück ändern sich manche Ansichten im Leben.
Oder man verdiente sich das Geld selbst, lernte Arbeit und Geschaffenes schätzen und betrachtete das Erworbene als eigene erarbeitete Anschaffung. So ging es mir. Nach mehreren Ferienjobs bin ich endgültig im Kuhstall heimisch geworden. Dort nahm ich 3.00 Uhr aufstehen, Wochenendarbeit und Schufterei in Kauf, um an mein Startkapital zu kommen. Nun hatte ich die Wahl: arbeite ich noch in 2 … 3 Ferien und kaufe eine neue TS 150? Oder beschränke ich mich auf eine gebrauchte ES 150 und habe sogar noch Restkapital für „wertsteigernde Maßnahmen“? Mein Bruder und die Freunde fuhren schon seit einem halben Jahr S 50. Langsam wollte ich auch in die Gänge kommen. So war es eine ES 150 von 1964 (oder ´66). Sofort begann der Umbau. Dank einer selten wechselnden Modellpalette und Dank der Standardisierung der Produktion in der DDR gab es kaum Schwierigkeiten, passende Teile zu bekommen. So wurden die hinteren Federbeine mit Hülsen durch schicke, verchromte Federn ersetzt. Der vorhandene eine Spiegel wurde durch zwei große Panoramaspiegel ersetzt. Seitengepäckträger mußten ran, man wollte ja zum zelten fahren. Die Blinker am Lenker ersetzte ich durch eine moderne Vierblinkanlage. Wenn man dann noch die Blinkerschalen wechselte… das sah richtig gut aus. Vom russischen Saporosch paßten sie und auch vom Barkas B 1000. Ich besorgte sie mir in der „Autoverwertung Damm“ in Frankenberg zum Wucherpreis. Ich mußte sie dort sogar selbst abbauen. Dann kam Designpflege. Meistens im Winter nutzten wir die Zeit, die Farbgebung zu ändern – mein Bruder tat das öfter als ich. Er war kreativer. Meine MZ ES 150 war strahlend weiß. Es gefiel mir, weil es selten war und frisch aussah. Weitere Anregungen in Design und Outfit holte ich mir von Toni Mangs WM-Motorrädern: schwarz-rote Schriftzüge wie „Krauser“-Werbung, „DB“ für Dieter-Braun-Team und Aufkleber. Nur einmal bekam ich deshalb Ärger. Als dreijähriger Offizier auf Zeit durfte ich, anders als Grundwehrdienstleistende, mit Privat-KFZ zur Kaserne zum Dienst kommen. Dem Politoffizier war mein Motorrad mit Westwerbung ein Dorn im Auge. Ich sollte die Aufmachung entfernen. Ich habe von da an mein Motorrad außerhalb der Kaserne stehen lassen. Ich war 22 Jahre alt und verstand die ganze Aufregung nicht.
Die Simsonbesitzer hatten noch paar Tuningmaßnahmen mehr in petto: eine leere gelöcherte Bierdose (notfalls im Intershop aus dem Müll) in den Auspuff eingebaut machte röhrenden Sound. Oder das Kürzen der Halterungen der Blinklichter. Denn die waren viel zu lang für unseren Geschmack. Auf Kritik bei der Ordnungsmacht stieß das Kürzen der Kotflügel. Die Bowdenzüge konnte man mit Metallbrauseschlauch ummanteln. Das sah super gut aus. Es gab auch mehr Lenkertuningmöglichkeiten am Simson S 50 als bei meiner MZ ES. Nicht alle waren gern gesehen oder gar erlaubt. Und damals bestand die reelle Gefahr, in eine Kontrolle zu geraten. Heute sind die Autofahrer mit Sicht einschränkenden Hawaigirlanden am Spiegel unterwegs. Das ist verboten und gefährlich. Es kontrolliert nur niemand. Weiterhin beliebt waren bei den S 50 Besitzern Verkleidungen des Tachos, der doch eher wie Spielzeug aussah. Am besten eigneten sich die verchromten Hülsen der MZ-Federbeine. Wenn man sich derer zwei anbaute, konnte man in der zweiten Hülse eine Uhr oder das Zündschloß unterbringen.
1982 gab ich meine MZ ES 150 für mich und meinen Bruder als Zweitfahrzeug frei und kaufte mir eine MZ TS 250. Das war ein Traum von mir. Und ein Schmuckstück war sie. Ein ehemaliger Klassenkammerad von mir hatte sie mir verkauft – nachdem er sie in liebevoller Kleinarbeit zu etwas Besonderem gemacht hatte. Sie war glänzend schwarz lackiert mit viel Chrom. Die Lampenhalterungen wurden verkehrt herum eingebaut und als Scheinwerfer diente die Lampe vom Traktor ZT 300. Das sah rassig aus. Die Spiegel und Blinkerkappen änderte ich wie an der MZ ES. Die 250er war ein Viergangmodell. Aber sie bekam den leistungsstärkeren und äußerlich schickeren Motor der Fünfgangvariante TS 250/1. Ursprünglich hatte sie sogar einen Sport-AWO-Tank. In Verbindung mit der ZT 300-Lampe sah es ein wenig nach Kawa´ Zephir aus. Doch der Tank fiel dem Brandanschlag eines betrunkenen Discogängers zum Opfer. Die Sitzbank war von der ETZ 250. Die ETZ war nicht sonderlich beliebt. Aber die abgesteppte Sitzbank paßte wunderbar auf die TS. Zum Schluß mußten natürlich noch die praxistauglichen Seitengepäckträger dran. Das Motorrad sah toll aus, es fuhr wunderbar und ich habe es geliebt.
Richtige Ersatzteilprobleme gab es – im Vergleich zu den Autobesitzern – nur bei Mopedreifen für das Simson und bei Gummis für Fußrasten, Schalthebel und Kickstarter. Reifensorgen bei der MZ kannte ich nicht. Aber es kam häufig vor, daß Simsonfahrer mit einer Bescheinigung des Fachhändlers unterwegs waren, die aussagte: Reifen sind bestellt, aber zurzeit nicht vorrätig oder lieferbar. Witzig dabei ist, daß sich die Ordnungshüter resigniert mit dieser Bescheinigung zufrieden gaben. Warum die Fußrastengummis im Handel vergriffen waren, ist auch klar. Die waren ständig abgeschliffen und es mußten neue her. Warum es aber so einen Pfennigartikel wie Kickstarter- oder Schalthebelgummis nicht gab, bleibt ein Geheimnis der DDR-Wirtschaft. Am besten war, man besorgte sich schon voller Weitsicht den nächsten Satz Gummis, während man noch einen zur Reserve daheim hatte. Die fieseste Variante war, sich diese bei Anderen zu klauen.
Ein einziges Mal in 11 Jahren DDR-Motorradfahrerdasein ließ mich mein Motorrad hoffnungslos im Stich. Ich kam mit der TS 250 von der Ostsee und war auf der Autobahn in Richtung Berlin unterwegs. Schon auf Rügen bahnte sich an, daß die Lichtmaschine den Geist aufgibt. Auf der Autobahn war es soweit. Ich fuhr noch 100 km auf Batteriestrom und dann war Schluß. Also begann ich, in voller Montur und mit Campinggepäck, mein Motorrad zu schieben. ADAC oder so was gab es nicht. Es gab auf dem Weg vom Erzgebirge zur Ostsee zwei Autobahntankstellen mit Raststätte und „Werkstatt“, die zum Allgemeinwissen des Nord-Süd-Reisenden gehörten: in Finowfurt und in Freienhufen. Bis zu der Tanke in Finowfurt wollte ich. Es war eine Schinderei. Als es dämmerte, schob ich das Motorrad an den Rand eines Parkplatzes, packte meinen Schlafsack ab, legte mich neben die MZ und schlief völlig k.o. ein. Am nächsten Morgen war das Problem noch nicht aus der Welt. Also weiter wie gehabt. Es waren vielleicht so dreißig Kilometer, paar mehr, paar weniger. Aber auf alle fälle viel zu viel, um es real betrachtet zu schaffen. Ein Ehepaar im Skoda und mit einem leeren Anhänger wollte nach Reichenbach, um etwas abzuholen. Die Beiden hielten an. Wir verstauten die MZ auf dem Anhänger und sie fuhren mich bis nach Frankenberg vor die Haustüre. Dem Ehepaar war ich so was von dankbar. Und mein Motorrad habe ich gehasst. Aber es war das einzige Mal und es hielt auch nicht lange an. Kaum zuhause war es schon wieder vergessen.
Ein andermal hat mich das Motorrad nur beinahe sitzen lassen. Das heißt, nicht das Motorrad, sondern die Versorgungslücke war Schuld. (Da gab es mal einen Witz: Honecker hätte sich den Arm gebrochen… Er ist in die Versorgungslücke gefallen). Meine 250er hatte einen Kurbelwellenschaden. Der wäre zu beheben gewesen. Aber das in Mitleidenschaft gezogene Motorgehäuse mußte gewechselt werden. Und obwohl Benno Brandtstätter als MZ-Händler für uns Jugendliche fast alles möglich gemacht hat. Hier stieß er an seine Grenzen – und wir wollten am Wochenende nach Most zum Interserie-Rennen. Also musste ich selbst die Augen mit aufhalten. Ich bekam tatsächlich ein Motorgehäuse im IFA-Fachhandel in Chemnitz/Rosenhof. Dadurch kam ich zu spät, aber bepackt mit einem Motorgehäuse, zur Mathematikvorlesung an der TH. Aber ich blieb sowieso nicht bis zum Ende der Vorlesung, denn ich mußte den Bus nach Frankenberg pünktlich erreichen. Am Wochenende fuhren wir nach Most zum Interserie-Rennen.
Die größte Reparatur an der ES 150 war ein Rahmenwechsel. Den habe ich im IFA-Fachhandel in Mittweida gekauft. Dann ging es los: Die MZ komplett, mechanisch und elektrisch, zerlegen. Dann den neuen Rahmen nehmen und alles wieder anbauen. Beim ersten Mal ist mir ein Malheur passiert und ich hatte einen Kabelbrand. Beim zweiten Rahmen an der ES eines Schulfreundes klappte es besser und beim dritten Rahmen eines weiteren Kumpels war man schon routiniert. Wer von den Jugendlichen versucht heutzutage so etwas noch?
Ähnlich improvisierten wir bei der Bekleidung. So nach und nach schafften wir es, einigermaßen zweckmäßige und praktische Bekleidung zu beschaffen. Ich war im Besitz von ein paar ordentlichen NVA-Offizierslederstiefeln und Stulpenhandschuhen. Woher ich die hatte, weiß ich nicht mehr. Es waren diese Dreifingerhandschuhe mit weißen Stulpen, wie sie die Kradmelder nutzten. Überhaupt waren NVA-Sachen zum fahren beliebt. Gut imprägniert waren sie relativ wetterfest. Speziell die Jacken von der Felddienstuniform waren beliebt. Damit ließen sich schon Geschäfte machen. Obwohl zu dieser Zeit das „ein-Strich-kein-Strich“ Uniformdesign Mode war, hatte ich noch ein Exemplar mit dem Flecktarnmuster. Der Jackenschnitt war lässiger und die Jacke mit mehreren Kordelzügen versehen. Ich habe diese Jacke geliebt. Es gab auch Leute, die Nierengurte in guter Qualität herstellten. Gekostet hat mich das 40 DDR-Mark plus Versand per Nachname. Eine zweiteilige Gummikombi zum Überziehen war unerlässlich, wenn man bei Wind und Wetter jeden Tag fuhr. Mit dieser Gummikombi bin ich trocken von Rerik an der Ostsee bis nach Frankenberg bei durchgehendem Regen gut angekommen. Spaß hat die Fahrt nicht gemacht. Aber ich war trocken.
Probleme bereitete die Suche nach einem gescheiten Helm. Die vom Hersteller Pneumant angebotenen Vollhelme deckten den Bedarf nicht und waren ständig vergriffen. Die Nachfolgemodelle eines anderen Herstellers mit dieser seltsamen Kante im Helm wollte niemand haben. Diese lagen dann auch im Laden. Aber sie waren unbeliebt. Zumindest schieden sich an diesem Helm die Geister. So blieb uns nichts weiter übrig, als aus den „50-Mark-Schüsseln“ in Eigenkreativität einen ansehnlichen Helm zu machen. So wurden aus geeignetem Material eine Helmblende und diverse, mitunter sehr persönlich gestaltete, Kinnschutze gebastelt. Gut war, wenn man jemanden kannte, der in einer Lackiererei arbeitete. Das betraf übrigens auch Lackierarbeiten am Fahrzeug. Und irgendwie schafften es die meisten, im Lauf der Zeit auch zeitgemäßen Voll- oder Jethelm sein eigen zu nennen.
Rückblickend muß ich sagen, daß es eine schöne Zeit gewesen ist. Man hat sich Technikwissen angeeignet, das Moped-/Motorradfahren war bezahlbar (nicht wie heute), man konnte der Kreativität (im zulassungsrechtlichen Rahmen) freien Lauf lassen und man war unter seinesgleichen sinnvoll beschäftigt – sei es beim Basteln oder beim Unternehmen von Ausfahrten, ganz gleich ob diese uns nur in Frankenberg ins Flußbad führten oder in Gruppe zum Schleizer Dreieckrennen.
Ein paar Bemerkungen zum Duo-Schwalbe:
Das Duo entstand auf Basis einer Schwalbe (Simson). Es war ein Zweisitzer mit Handschaltung für die Gehbehinderten. Wettergeschützt saß man unter einer geschlossenen Plane mit Sichtfenstern. Man mag sich darüber streiten, ob es eine Zumutung war, die Behinderten so umher fahren zu lassen. Fakt ist: Das Duo war beliebt und begehrt. Man muß auch hier die Zeit dazu sehen. Es ist immerhin weit über dreißig Jahre her! Über den Sinn und Unsinn von 25 bzw. 45 Km/h Autos heutzutage kann man sich auch streiten. Eigentlich soll, damals wie heute, ja nur eine gewisse innerörtliche Mobilität geschaffen werden.
Es gab auch einen Trabant Kombi Hycomat. Der war ebenfalls für Gehbehinderte. In den Kofferraum paßte der Rollstuhl und der Trabi war halbautomatisch. Man konnte beim Schalten auf das Kuppeln verzichten. Aber diesen Trabi und auch die Fahrerlaubnis zu bekommen war schon ein Problem. Aber wie sieht es denn heute aus: Zu Zeiten ständiger Kürzungen der Leistungskataloge der Krankenkassen wollen wir uns über diese Zustände damals lieber nicht aufregen.
Der Onkel meiner Mutter war im zweiten Weltkrieg als Soldat und anschließend in Gefangenschaft. Seine Frau ist in dieser Zeit an Lungenentzündung gestorben. Während dieser Zeit lebte der Cousin meiner Mutter bei ihr in der Familie. Nach der Kriegsheimkehr nahm sich der Onkel meiner Mutter eine neue Frau. Diese bekam als eine der letzten vor Einführung der Schutzimpfung die Kinderlähmung (im Erwachsenenalter). Dennoch überlebte sie ihren Mann, meinen Großonkel. Später bekam sie so ein Duo-Schwalbe. Mit diesem Gefährt fuhr sie – allein, gehbehindert und auch nicht mehr als Jüngste – unter dem Protest der Familie (die sich natürlich Sorgen machte) nach Bulgarien an das Schwarze Meer. Die ganze Fahrt mit 50 ccm-Motor und rasanten 60 km/h Höchstgeschwindigkeit.
Zurück in die Zukunft, Garagenkauf 2010:
Im Jahr 2010 kaufte ich mir in meinem neuen Wohngebiet in Chemnitz-Kapellenberg eine Garage. Eine Garage einer seit den 1980er Jahren bestehenden Garagengemeinschaft. Einer der Schlüssel war an einer Schlüsseltasche von damals befestigt. Nicht nur, daß der Schlüssel ein Unikat ist – es ist ein Schlüssel eines damaligen “Sicherheitsschlosses”, so einer mit diesem dreikantigen Schlüsselbart. Aber etwas Besonderes ist auch die Tasche. Viel Werbezierrat gab es ja in der DDR nicht. Und wenn, dann geschah es oft in Privatinitiative. Hier ist es ein Goldprägedruck des “Motorsport-Clubs (MC) des VEB Barkas-Werk in Karl-Marx-Stadt”.











