Ein beeindruckendes Justizdrama und das Thema Todesstrafe – als Rahmen dient ein Ku-Klux-Klan-Attentat

In den amerikanischen Südstaaten, Mississippi 1967: Das Gebäude des jüdischen Anwaltes M. Kramer ist Ziel eines Ku-Klux-Klan Bombenattentates. Dummerweise fährt ausgerechnet an diesem Tag der Anwalt und nicht seine Frau die beiden Kinder in die Schule. Er macht mit den beiden 10-jährigen einen Abstecher zum Büro, bevor er in die Schule fahren will. Die Bombe explodiert, die beiden Kinder sterben. Der Anwalt überlebt schwer verletzt und nimmt sich später das Leben.
Mississippi 1993: Adam Hall (Chris O’Donnell), ein 26-jähriger aufstrebender Anwalt einer großen Anwaltskanzlei ohne Erfahrung in Todesurteilprozessen übernimmt die erneute Verteidigung von Sam Cayhall (Gene Hackman). Nach einem langwierigen Gerichtsprozess wurde er für das Attentat von 1967 zum Tode verurteilt. Der Verteidigung geht es um eine Aufschiebung der Todesstrafe, um eine Wiederaufnahme des Verfahrens und um eine Begnadigung.
Anwalt Hall hat beim Tode seines Vaters erfahren, daß er einen Großvater hat, der für einen schrecklichen Mord im Staatsgefängnis Mississippi einsitzt. Gesehen hat er ihn noch nie. Sam Cayhall wiederum weiß rein gar nichts von seinem Enkel, bekommt es aber schon beim ersten Besuch Adam Halls heraus.

Zunächst ist Cayhall keine große Hilfe und auf ein Entgegenkommen wartet der junge Anwalt umsonst. Er muß stattdessen Anfeindungen und persönliche Diffamierungen über sich ergehen lassen. Zu groß ist auch der Hass Sam Cayhalls auf die Gesellschaft und die Politik, auf die Juden und auf die “Nigger”. Seit mehreren Generationen herrscht in der Familie der Geist des Klans, mit dem der junge Cayhall von früh an aufwachsen muß. Reue zeigt Cayhall keine – und auch zu Worten des Bedauerns oder zu einer Entschuldigung gegenüber der verbliebenen Miss Kramer sieht er keinen Anlaß. Es läßt ihn auch scheinbar kalt, daß er zwei Familien zerstört hat: die Opferfamilie und die eigene. Von der Opferfamilie lebt nur noch Miss Kramer und aus der Familie Cayhall nur noch die Tante des jungen Anwaltes, Lee Cayhall Bowen (Fay Dunaway). Beide sind seelische Wracks und beide müssen auf ihre Art versuchen, etwas zu verarbeiten, was eigentlich nicht zu verarbeiten geht.

Anwalt Adam Hall setzt alles daran, seinen Großvater fair verurteilt zu sehen. Dazu bedarf es der Akteneinsicht beim FBI und der Hilfe des Gouverneurs. Außerdem muß er sich mit der dunklen Geschichte seiner eigenen Familie auseinandersetzen. Und so nach und nach gibt auch Sam Cayhall seine widerspenstige Haltung auf. Allmählich bekommt Adam Hall Einblicke in die Sichtweisen des Ku-Klux-Klans, in den Aufbau der Organisation und er versteht, daß sein Großvater niemals allein der Täter und auch nicht der befehlsgebende Urheber des Attentates gewesen sein kann. Er steht aber auch der Tatsache hilflos gegenüber, daß eine rassistische, verbrecherische Organisation wie der Ku-Klux-Klan Strippenzieher und Geldgeber in höheren Gesellschaftsschichten zum Beispiel in der Politik und in der Wirtschaft benötigt. In keinem Land der Welt und in keiner Justiz jedweden Landes geht die Justiz gegen die Mitglieder der Führungsetagen verbrecherischer Organisationen vor, die ein doppeltes Spiel in Politik und Wirtschaft einerseits und im Ku-Klux-Klan, der Mafia oder bei den rechtsextremen Neonazis anderseits spielen. Und auch Sam Cayhall dämmert es allmählich, daß er sterben muß, weil er zum Spielball der Mächtigen und der Politik geworden ist. Der wahre Schuldige beziehungsweise der Auftraggeber kommt vorläufig ungeschoren davon. Denn obwohl dieser noch rechtzeitig ermittelt wurde, behält der Gouverneur diesen und andere Namen hochrangiger Personen für seinen nächsten Wahlkampf zurück.

Damit wäre eigentlich die Rahmenhandlung fertig erzählt. Aber was bleibt im Kern der John Grisham-Verfilmung noch beim Zuschauer hängen? Da sind zum einen die inneren Konflikte der betroffenen Personen – vornehmlich des Anwaltes, seiner Tante Lee Cayhall Bowen, der Überlebenden der Opferfamilie Miss Kramer und nicht zuletzt des Verurteilten selbst. Es geht um Reue und Vergebung und um das Eingestehen von Schuld und Sühne. Es geht nicht zuletzt auch um das unmenschliche System der amerikanischen Todesstrafe, das die Gesellschaft der USA bis heute spaltet. Auch mit noch so ausgefeilten Techniken ist es nicht einfach und gleich gar nicht menschlich, einen Menschen zu töten. Und es stirbt sich auch nicht einfach, auch wenn man das so gern behauptet. Welche nervlichen Kämpfe Todestrakt-Kandidaten durchmachen müssen, lässt sich nur erahnen. Sie haben Schuld auf sich geladen, viele sogar grässliche Verbrechen begangen. Aber was ist, wenn doch auch nur einer unschuldig war? Dann könnten nämlich auch noch mehrere unschuldig gewesen sein! Die deutsche Justiz mag sehr häufig nicht im Namen des Volkes richten. Die amerikanische Todesstrafe ist aber auch keine Lösung.

Und so ist es oftmals durch aufopferungsvolle Betreuung nur noch möglich, den Verurteilten zu Reue, zu Entschuldigungen und zur Aussöhnung mit seiner Familie und den Opfern zu führen. Und dann betritt der Delinquent zwar mit weichen Knien, dafür aber erhobenen Hauptes und mit sich selbst im Reinen seine Richtstätte. Das kann die Giftspritze, der elektrische Stuhl oder wie im Film die Gaskammer sein. Ob die Menschen, die mit dem Scherbenhaufen leben müssen, den der Hingerichtete in ihrem Dasein hinterlassen hat, dadurch Befriedigung erfahren, ist fraglich.

Warum bekommt die Verfilmung von Grishams “Die Kammer” (nur) vier Sterne? Weil ich zwei Filme kenne, denen diese Thematik besser gelingt: der Streifen “Dead Man Walking” mit Susan Sarandon und Sean Penn sowie die (ebenfalls Grisham-)Verfilmung “Die Jury” mit Samuel L. Jackson, Sandra Bullock, Kevin Spacey und Matthew McConaughey als Anwalt. In beiden Filmen gelingt die Thematik Justizdrama und die Aufarbeitung des Themas Todesstrafe besser. Und in beiden Fällen wird das Thema (Rassen-)Haß und Gewalt sowie die Tragik der zurückbleibenden und seelisch zerrütteten Familien besser, bewegender und aufwühlender – einfach emotionaler – behandelt!

“Die Kammer” lebt hauptsächlich vom Hauptdarsteller Gene Hackmann – und auch die zweiten Hauptdarsteller in “Die Jury” und “Dead Man Walking” (Anwalt Jake Tyler Brigance alias Matthew McConaughey und Nonne Helen Prejean alias Susan Sarandon) machen ihre Sache besser, als Adam Hall (Chris O’Donnell) in “Die Kammer”

Die Kammer: KLICK HIER


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