Katastrophe oder “nur” Naturgewalt?
Es ist unglaublich! Da finden im n-tv Debatten statt, warum eine Wirtschaftsnation wie Deutschland nicht in der Lage ist, den Vulkan und dessen Aschewolke zu beherrschen. Da habe ich es doch eher mit der Karikatur vom Freie Presse-Zeichner Tomycek: Ein Flugzeug, dessen Airline-Aufschrift bezeichnender Weise GRENZENLOSE MOBILITÄT heißt, fliegt auf einen Berg zu. Es ist ein Vulkan. Aus dem Krater steigt eine Aschewolke, formt sich zum Stinkefinger und bremst das Flugzeug aus.
Wann haben wir denn eigentlich eine Katastrophe? Wenn Zerstörung in Größenordnungen auftritt und viel menschliches Leid zu beklagen ist. Beides zu umgehen ist kaum noch möglich. Die Allgegenwärtigkeit der Menschheit und deren Begleiterscheinungen auf dem Planeten machen es fast unmöglich, keine Katastrophe herauf zu beschwören. Wen würde denn eine Überschwemmung im unbewohnten Gebiet stören? Welche Gefahr ginge von einem Erdbeben aus – dort, wo keine Menschen leben? Und welches Leid ist bisher in Island aufgetreten? Vergleichsweise wenig bis gar keins! Also haben wir eine Naturgewalt, eine schaurig-schöne noch dazu. Man könnte auch sagen, uns wird hier ein Schauspiel geboten wie selten. Die Amerikaner mit Tornados und heftigsten Wintern an der Ostküste sind da bedeutend leidgeprüfter.
Aber da ist ja die Mär vom Aufschwung und vom Wirtschaftswachstum ohne Ende und ohne Grenzen. Wenn ein Tier im Wald gesättigt ist, hört es auf zu fressen. Was bedeutet denn Sättigung? Man ist satt. Wenn der Endverbraucher gesättigt ist, hört er auf zu konsumieren. Wenn nicht mehr konsumiert wird, ist auch die Wirtschaft gesättigt. (Karl Marx: steigende Überproduktion bei gleichzeitig wachsender Massenarbeitslosigkeit). Die Wirtschaft wird sich zwangsläufig auf einem bestimmten Niveau einpegeln. Wir können unser Wachstum nicht mit China vergleichen. Denn die haben Nachholbedarf, wir nicht. Aber auch China und andere Schwellenländer werden in 30 … 40 … 50 Jahren diese Erfahrung machen (müssen). Und auch die Herren und Damen Aktionäre und Gesellschafter müssen das begreifen!
Nun gibt man sich natürlich Mühe, dennoch mit den höchstmöglichen Profiten den Aufschwung zu steigern. Dafür schafft man immer größenwahnsinnigere und weniger beherrschbare Projekte in Wirtschaft, Verkehr, Tourismus und dergleichen. Vulkanasche ist da natürlich im wahrsten Wortsinn Sand ins Getriebe. Stillstand ist tödlich. Die Gesellschaft (oder das System?) bekommt Grenzen aufgezeigt. Ich finde das Spitze!!! Daß etwas dazwischenkommt, einfach mal etwas Unvorhergesehenes passiert, ist überhaupt nicht vorgesehen oder eingeplant. Und das Schönste am Vulkan-Fall: man kann es nicht erklären, man hat keinen Schuldigen, man ist gelähmt. Und das nach einer Bankenkrise und einem Winter, der – oh Graus – auch noch mit Schnee, Eis und Frost einher kam. Was sich die Natur da traut!
Obwohl jeder bis in die kleinsten Schichten des Volkes oder der Wirtschaft in diesem Räderwerk des verpönten Stillstandes gefangen ist, es gibt genügend Stimmen, die dem Vulkan hämisch zujubeln. Ehrlich gesagt: ich auch!
Nicht zu beneiden ist der Verkehrsminister. Da kann man nur falsch entscheiden. Da aber noch kein Luftfahrtunglück passiert ist (wie auch, es fliegt ja niemand), wird versucht, Ausnahmegenehmigungen zu ergattern. Sicher sind die mit Sonderzahlungen verbunden, aber Geld stinkt nicht… Und genau so, wie am Sonntag immer mehr LKWs (mit Ausnahmegenehmigung?) auf der Autobahn unterwegs sind, genauso wird begonnen, munter loszufliegen. Aber ein Parken im Halteverbot wird rechtlich nicht besser, wenn ich die Warnblinke (Ausnahmegenehmigung) einschalte. Genauso bleibt die Flugausnahmeregelung ein Tanz auf dem Vulkan. Tatsächlich sogar auf dem Vulkan
Doch was soll man machen? Es geht um die Wirtschaft und den Aufschwung oder um die Krise und den Ruin. Ach so, und um ein paar Touristen. Wobei ich auch hier differenzieren muß. Bei der Terroranschlagdrohung auf den Londoner Flughafen war im Fernsehen eine junge Frau mit Säugling zu sehen, die wer weiß woher kam und wer weiß wohin wollte. Jedenfalls nicht gleich um die Ecke… Lautstark machte sie ihrem Ärger Luft und drückte ihre Sorge um ihr Baby aus. Wäre sie, ebenso wie dieses System, nicht ganz so plemmplemm gewesen, hätte sie sich um das Baby vorher gesorgt. Sie hätte sich gefragt, ob das sein muß. Oder ob sie einfach nur egoistisch ist und nicht verzichten kann, weil die Situation gerade Verzicht erfordert.
Dieselben Fragen stellen sich im Großen. Muß das alles so sein, wie es ist?